Förderverein zur Unterstützung

bolivianischer Straßenkinder e.V.

 

gegründet am 18.11.2008 im Pfarrzentrum St. Klara München- Zamdorf

Der Förderverein ist durch das Finanzamt München mit Bescheid vom 04. Dezember 2008,

Aktenzeichen 143/215/04494/K41 als gemeinnützig anerkannt

und beim Amtsgericht München im Vereinsregister,  VR 202011 eingetragen.

                Berichte aus Bolivien

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Berichte aus Bolivien

 

         

1                  2                   3                       4                Versorgung der Verletzungen 

 

  

 

   

 

Bilder vom November 2010 von Reinhart Brunner  © 2010

Bild Nr. 3 u. 4 sind im Februar 2011 zu  historischen Bildern geworden. Der dortige Hang ist durch den Regen aufgeweicht worden und ist abgerutscht. siehe Bericht auf der Homepage von VIsozial

 

Hinweis: Die Meinungen, die ich in diesen Rundbriefen vertrete,  sind selbstverständlich meine eigenen und betreffen nur mich allein; sie sind weder in irgendeiner Weise bindend oder verpflichtend für die  « Fundación Obra Padre Lutz » in Bolivien, noch für den Münchner „Förderverein zur Unterstützung bolivianischer Strassenkinder“. 

Xavier

Rundbrief Nr. 9

 

El Alto, 22. Dezember 2010

« Wisset, dass diese prekäre und wechselhafte Epoche, die wir im Moment erleben, viel von Euch verlangen wird. Sie wird vernichtend sein für die Schwachen, wird aber die Mutigen inspirieren. Suchet Ihr selbst Euren Platz. Die absolute Selbstzufriedenheit, werdet Ihr unter den Rindviechern finden, aber nicht bei den Menschen, die dieses Namens würdig sind. Oh, möge Euer Ideal sich nicht auf dem Niveau von Wohlstand und Ansehen bewegen! Versucht, die großen Herausforderungen der gegenwärtigen Welt zu verstehen und, wenn Ihr sie verstanden habt, engagiert Euch bewusst dafür, auf diese eine Antwort zu finden. Ihr habt genug Kraft in Euch, um große Taten zu vollbringen und unsere heutige Zeit verlangt nach Taten, nach menschlicher Aktion. An die großen Ideen glauben und noble Wünsche aussprechen reicht nicht. Lernt, jede Faser Eures Herzens bis zur innersten Resonanz zu nutzen. Existieren ist gut, aber leben ist etwas anderes. Glauben ist gut, aber seinen Glauben in Taten umzusetzen, das ist das wahre Zeichen der Stärke. »

 

Thomas (Tom) Dooley († 1961)

 

                   

Liebe Freunde,

Weihnachten steht vor der Tür und somit auch meine Rückkehr nach Deutschland! In diesem letzten Rundbrief möchte ich Euch gerne meine Vorstellung von der Zukunft unseres Vereins präsentieren, nachdem ich 4 Monate in El Alto mitgelebt und hautnah die Arbeit unserer Erzieher habe beobachten können.  

Das Hauptproblem, das uns bremst, ist natürlich das liebe Geld. Ich würde sogar sagen, dass, wenn wir nicht schnell noch weitere Geldquellen finden, unser Verein dazu verdammt ist, in der Versenkung zu verschwinden und ich denke nicht, dass ich damit übertreibe. Wir müssen zahlreichen finanziellen Verpflichtungen nachkommen, die durch das neue bolivianische Arbeitsrecht festgelegt wurden, müssen den ständig steigenden Lebenshaltungskosten in einem Bolivien gerecht werden, das – Gottseidank – auf dem Weg Richtung Moderne ist; wir müssen unseren Erziehern ein anständiges Gehalt zahlen, das sich an der Inflation in diesem Land orientiert und natürlich wollen wir unsere Aktivitäten so gut wie möglich weiterentwickeln, die bereits existierenden Routen ausbauen, neue dazunehmen, noch weitere Straßenkinder in unserem Haus aufnehmen, um mit ihnen eine langfristige Rehabilitationsarbeit zu machen, da wir mit Edwin und  Daniel die Erfahrung gemacht haben, dass es in der Tat möglich ist, Jugendliche von der Straße wieder im wirklichen Leben zu etablieren, wenn man sie mit einer strengen Hand, aber auch mit viel Liebe erzieht.

Wir haben auch neue Projekte für unsere Jugendlichen, jungen Erwachsenen, sowie auch deren Eltern, die auf der Straße arbeiten, ins Auge gefasst: Wir würden für sie gerne eine Schreinerwerkstatt eröffnen (wir hätten bereits die Räumlichkeiten mit der Grundausstattung an den hierfür benötigten Maschinen, über die Rolando verfügt) mit einem Meister, der denen, die dies lernen möchten, das Schreinerhandwerk beibringt. Die Arbeitskräfte in Bolivien sind handwerklich sehr geschickt. Somit werden unsere Lehrlinge schon bald Möbelstücke herstellen können, die man dann eventuell nach Deutschland verschiffen könnte, um sie dort zu verkaufen. Manche bolivianischen Hölzer sind in Europa wenig bekannt. Unter ihnen gibt es z.B. sowohl rot- als auch ockerfarbene Hölzer. Man müsste eine kleine Marktstudie in Deutschland durchführen, um zu sehen, welche Art von kleinen Möbelstücken oder Objekten aus Holz man dort leicht verkaufen könnte; wir müssten natürlich etwas Originelles und typisch Bolivianisches finden.

Somit ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: erstens würden wir unsere Zielgruppe in einem Handwerk ausbilden und zweitens könnten wir unsere Produkte verkaufen und den Gewinn unserem Verein zugute kommen lassen.

In gleicher Weise würden wir gerne im Haus der Fundación eine Werkstatt für Kunsthandwerk einrichten, vor allem für die Eltern der Kinder, die abends/nachts auf der Straße Dinge verkaufen müssen und die wir in unseren Projekten „Luna llena 1“ und „Lluna llena 2“ betreuen. Sie könnten Schlüsselanhänger, Taschen, usw. herstellen. Das bolivianische Kunsthandwerk ist extrem reichhaltig und hochentwickelt. Wir würden den Eltern ein anständiges Gehalt für ihre Arbeit bezahlen und somit müssten ihre Kinder nicht mehr auf der Straße arbeiten. Diese Waren könnten gleichermaßen nach Deutschland verschifft werden, um sie dort zu einem besseren Preis zu verkaufen. Somit könnten wir auch hier Familien von der Straße wegbringen, indem wir ihnen eine Arbeit verschaffen und würden gleichzeitig zur Finanzierung unseres Vereins beitragen.

  

Eine weitere Idee wäre z.B., ebenfalls in unserem Haus, einen Brotbackofen zu installieren und unsere Jugendlichen im Bäckerhandwerk auszubilden. Das bolivianische Brot ist relativ einfach und wird immer aus demselben Teig aus weißem Mehl hergestellt. Sprich, wenn man aus Europa kommt, wird man dessen relativ schnell überdrüssig. Man könnte sich also von den deutschen Brotrezepten inspirieren lassen und somit für Bolivien neue Brotprodukte kreieren, die man dann auf dem Markt, gleich um die Ecke (der jeden Dienstag und Freitag stattfindet) verkaufen könnte. Wir könnten auch bei unserem gemeinsamen samstäglichen Essen an die Jugendlichen, die hier regelmäßig kommen, zusätzlich einen Kaffee, mit einem kleinen frischen, handgemachten Brötchen dazu, zu einem niedrigen Preis verkaufen. Außerdem bräuchten wir dann das Brot für unsere Routen nicht mehr zu kaufen, was uns natürlich auch einiges an Geld einsparen ließe!

Noch weitere Projekte wären denkbar: eine Schneiderwerkstatt, eine Webwerkstatt, etc. Um unsere Waren in Europa zu verkaufen, müssten wir ins Auge fassen, einen kleinen Laden in München aufzumachen. Wir könnten sogar ebenfalls versuchen, einen solchen Laden in Frankreich zu eröffnen. Vor einigen Jahren, als meine Frau und ich in Schottland lebten, war ich sehr erstaunt, zu sehen,  dass jede caritative Organisation, und sei sie noch so klein, über einen Laden verfügte, der von freiwilligen – meist bereits pensionierten – Helfern geführt wurde, die sich alle zwei Stunden gegenseitig ablösten. In diesen Läden konnte man wirklich alles finden: Secondhand-Kleidung, Secondhand-Spielzeug, Postkarten, Kunsthandwerk, Fair-Trade-Schokolade, etc., etc.… Zur Weihnachtszeit gab es einen Riesen-Ansturm auf diese Läden, da jeder versuchte, dort preisgünstige und originelle Geschenke zu finden. Warum sollten wir dies nicht auch versuchen?...

Das einzige, was uns fehlt, um all diese Ideen umsetzen zu können, ist der finanzielle Grundstock hierfür... Aber dafür hat Freddy eine Lösung parat: Im Jahr 2002 haben 4 bolivianische Musiker (Freddy, der professioneller Musiker war, bevor er Erzieher wurde, Hugo, ebenfalls Erzieher, Pedro, Lehrer und Raúl) zusammen mit Pater Lutz, um dessen erstes Projekt « Movida Bolivia » zu finanzieren, eine Tournée quer durch Deutschland gemacht, um die Arbeit des Vereins vorzustellen. Pater Lutz war, wegen seines Charismas, dafür verantwortlich, die verschiedenen Projekte vorzustellen und wurde dabei durch die bolivianische Folkloremusik, die so reichhaltig ist, unterstützt. Das Ganze wurde ein großer Erfolg und die Tournée hat uns sowohl viel Geld für die Projekte, als auch treue Spender gebracht.  

Leider, aber das wisst Ihr vermutlich bereits, wurde das Projekt « Movida Bolivia » im Jahr 2005 von einem korrupten Anwalt, der sich das Vertrauen von Pater Lutz erschlichen hatte und zum Generaldirektor des Projekts ernannt worden war, zweckentfremdet und das gesamte Geld geklaut. Dank seiner Rechtskundigkeit, hat es dieser Anwalt geschafft, sich alles unter den Nagel zu reissen und hat es tatsächlich geschafft, Pater Lutz aus Bolivien zu vertreiben…

   

Das Gelände von Movida Bolivia

Das Projekt « Movida Bolivia » existiert noch immer... das heißt das, was davon übriggeblieben ist. Von all den Häusern, in denen Pater Lutz früher Straßen- und Schuhputzerkinder beherbergt hatte, gibt es jetzt nur noch ein einziges Heim, in dem 4 oder 5 Jugendliche wohnen, die gezwungen werden, zu arbeiten, um die Rechungen für Strom, Wasser, Gas, etc. zu bezahlen. .....

. .....Anscheinend erhält er .... sogar immer noch Spenden aus Deutschland für das Projekt „Movida Bolivia“!! Dies ist wirklich ungeheuerlich! Anfang Dezember haben wir einen 22 Jahre alten jungen Mann bei uns aufgenommen, damit er unter guten Bedingungen sein Abitur schreiben kann. Dieser junge Mann war genau von jenem ...... und seinen Leuten aus dem Heim geworfen worden, was bedeutet, dass er wieder auf der Straße gelandet ist – und das eine Woche, bevor er sein Abitur schreiben sollte!! Er hat sein Abitur jetzt bestanden und ist noch bei uns im Haus. Er wird sicherlich Weihnachten noch bei uns verbringen, danach jedoch wird er sich selbst eine Unterkunft suchen müssen.  

Vom Jahr 2005 an haben Freddy, Yvonne, Rolando und David erneut begonnen Streetwork auf den Straßen von El Alto zu machen, auf den Anstoß von Freddy und Yvonne hin, nachdem Pater Lutz nach Deutschland zurückgegangen war. Ohne irgendwelche Mittel zur Finanzierung, wollten sie dennoch die Arbeit fortsetzen, nachdem besagter Anwalt ihnen allen Vieren gekündigt hatte. Dies war der Anfange der Projekte « 100 Pasos » und « Luz en la oscuridad ». Nachdem nun natürlich erstmal das Vertrauen der deutschen Spender verloren war, war es anfangs schwierig, diese Projekte neu zu beginnen und sie auch zu finanzieren. So haben die 4 Erzieher lange in diesen Projekten gearbeitet, ohne bezahlt zu werden. Schritt für Schritt konnte Pater Lutz dann wieder eine Gruppe an treu gebliebenen Freunden um sich versammeln, was dann zur Gründung des Vereins « Förderverein zur Unterstützung bolivianischer Strassenkinder » führte, der damit begann, Geld für die neue Fundación zu sammeln, die die Erzieher « Obra Padre Lutz »nannten.  

Dieser ganze Überblick soll nun dazu dienen, Euch die Idee von Freddy vorzustellen, nämlich wieder eine Deutschland-Tournée mit einer Gruppe bolivianischer Musiker und natürlich mit Pater Lutz als Redner zu machen, um das neue Projekt vorzustellen und das verlorene Vertrauen der Leute in Deutschland wiederzugewinnen. Man könnte diese Tournée sogar auch auf Frankereich ausdehnen, besonders auf das Elsass, die Region, aus der ich komme. Wir müssten nur einen Sponsor finden, der die Tournée und die Flugtickets für die Musiker finanzieren könnte, da der Münchner „Verein zur Unterstützung bolivianischer Straßenkinder“ gemäß seiner Statuten, sein Geld nur verwenden darf, um die Fundación in Bolivien zu finanzieren. Freddy ist überzeugt davon, dass wir mit dieser Tournée genügend Geld verdienen könnten, um neue Projekte zu starten und einen „Eine-Welt-Laden“ in München aufzumachen – und ich bin seiner Meinung.  

Eine andere wichtige Maßnahme, um das Vertrauen der Spender wiederzugewinnen und eine optimale Transparenz herzustellen,  wäre es, ein Audit durch eine private Wirtschaftsprüfungsfirma durchführen zu lassen und die Ergebnisse ins Internet zu stellen. Dies würde uns eine unabhängige Einschätzung unserer Arbeit vermitteln, sowie auch die Schwachpunkte und Funktionsfehler unserer Arbeit ans Licht bringen.

Kennt Ihr den schweizer Verein « Voix libres » www.voixlibres.org. Ich lade Euch ein, Euch einmal deren Internet-Seite anzuschauen (auf französisch, deutsch und englisch). Dieser Verein hat mit einem Hilfsprojekt für die Kinder, die in den Minen von Potosí arbeiten, angefangen. 17 Jahre später hat er sich zu einer wichtigen Nichtregierungsorganisation in Bolivien entwickelt, mit Projekten in vielen Teilen des Landes, Bildungsprogrammen für die Landbevölkerung, der Vergabe von Microkrediten, Patenschaftsprojekten,... und er finanziert sich in Europa durch viele kleine Läden, die Fair-Trade-Produkte verkaufen und von ehrenamtlichen Helfern geführt werden. Ich finde diesen Verein beispielhaft und seine Internet-Seite ist voller interessanter Ideen, von denen man sich inspirieren lassen könnte. Ihr Erfolg basiert vor allem auf der Transparenz, die sie herstellen und sie haben zahlreiche  internationale Preise gewonnen, die natürlich ihre Glaubwürdigkeit noch erhöhen und es ihnen erleichtern, Finanzierungsmöglichkeiten zu finden.

Nun würde ich gerne noch ein bißchen über das internationale Taizé-Treffen berichten, das von 8. bis 12. Dezember 2010 in Santiago de Chile stattgefunden hat. Wir sind zu viert mit der bolivianischen Delegation von El Alto und La Paz, die uns freundlicherweise erlaubt hat, mit ihnen zu fahren, nach Santiago de Chile aufgebrochen: Edwin, Marisol (vom Projekt „Luna llena 1“), Pablo (Ehrenamtlicher Helfer der Fundación) und ich selbst. Zweieinhalb Tage im Bus, wobei wir durch Arica und Iquique gekommen sind, zwei chilenische Städte am Ufer des pazifischen Ozeans. In Iquique hat uns die katholische Don Bosco-Schule sehr freundlich in ihrer Sporthalle für die Nacht beherbergt. Am zweiten Tag sind wir 25 Stunden am Meer entlang gefahren um schließlich und endlich am 8. Dezember gegen Mittag in Santiago anzukommen. Wir wurden sehr herzlich von einer Pfarrgemeinde am Stadtrand von Santiago aufgenommen, mehr als eine Stunde mit der  Metro vom Ort des eigentlichen Taizé-Treffens entfernt, das in einem Park stattfand, wo man ein enormes Zelt aufgebaut hatte, dass die Versöhnungskirche von Taizé nachbilden sollte. Das Wetter in Santiago war sehr schön, 29 °C und ein frischer Wind und dazu überall die Weihnachtsbeleuchtungen. Jeder von uns wurde von einer Familie aus der Pfarrgemeinde beherbergt, wo wir sehr herzlich aufgenommen wurden. Morgens trafen wir uns alle zum Gebet in der Pfarrei, danach gab es eine kleine Aktivität (entweder besuchten wir verschiedene Einrichtungen oder wir bemalten die Mauer, die die Pfarrkirche umgab) und, am Ende des Vormittags, fuhren wir alle zusammen mit der Metro zum Taizé-Zelt, in guter Stimmung und mit einem echten Gefühl der Brüderlichkeit. Dann folgte, wie es auch in Taizé Brauch ist, erst das Gebet und dann, am Nachmittag das Treffen in Kleingruppen. Abends las Bruder Alois immer einen meditativen Text vor, der die Grundlage für den kommenden « Taizé-Brief 2011 aus Santiago de Chile“ bilden wird.

Für die Bolivianer war dieses Taizé-Treffen besonders bewegend, da die Chilenen ihre Herzlichkeit noch verdoppelt haben, um die  extrem konfliktreiche Vergangenheit zwischen den beiden Ländern vergessen zu machen. Die Bolivianer waren tief berührt und haben als Antwort darauf ein brüderliches Treffen mit der chilenischen Delegation am Samstagnachmittag, dem Vorabend des Endes des Taizé-Treffens, organisiert. Wir haben die 2.000 Chilenen mit einem riesigen Freundschaftskreis umgeben und die Chilenen haben uns umarmt und uns den Friedensgruss gegeben.

Für Edwin, Marisol und Pablo war dies eine sehr ergreifende Erfahrung, besonders die Aufnahme in den Familien, wo sie starke Bande der Freundschaft geknüpft haben. Am Montag, den 13. Dezember sind wir über Iquique, wo wir am Dienstag den ganzen Tag über den Strand und die enormen Wellen genießen konnten, wieder zurückgefahren. Schließlich sind wir am Mittwoch, den 15. Dezember sehr müde, aber sehr glücklich wieder in La Paz angekommen. Hiermit möchte ich von ganzem Herzen all jenen danken, die dazu beigetragen haben, diese Reise zu finanzieren, die uns und vor allem unseren Jugendlichen als ein ganz besonderer Moment in ihrem Leben in Erinnerung bleiben wird und vielleicht sogar als der Beginn eines neuen Weges, einer „Pilgerschaft des Vertrauens“.

Ein letztes Thema, dass ich hier in meinem letzten Rundbrief noch anschneiden möchte, ist die Beziehung zwischen unserem Verein und der katholischen Kirche. Als Pater Lutz im Dezember 2000 das erste Mal als Streetworker auf den Straßen von El Alto unterwegs war, war er der Priester der Pfarrei « Amor de Dios » („Liebe Gottes“), ganz in der Nähe von „La Ceja“ gelegen und umgeben von leerstehendem Terrain, wo sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die auf der Straße leben, versammelten. Im Jahr 2005 musste er Bolivien verlassen und verlor sein Projekt « Movida Bolivia », und er hat hierbei auch die Unterstützung der örtlichen katholischen Kirche von El Alto verloren. Warum?... Einzig und allein der dortige Bischof könnte diese Frage beantworten. Selbstverständlich habe ich meine eigenen Ideen zu diesem Thema, aber ich möchte an dieser Stelle keine schlechte Polemik betreiben. Sicherlich hat auch Pater Lutz Fehler gemacht, wie jeder, der sich voll und ganz für ein Projekt engagiert, das sich außerdem sehr schnell entwickelt und bei einigen Leuten (wie besagtem Anwalt) starke Begehrlichkeiten geweckt hat.

Aber heute wie damals ist die Hauptarbeit des Vereins, die darin besteht, auf die Straße zu gehen, um dort die Armen und vor allem die Kinder aufzusuchen, eine Arbeit par excellence, wie sie dem Evangelium entspricht. Nachdem ich diese Arbeit selbst 4 Monate miterlebt habe, kann ich wirklich sagen, dass sie sich auf einer Linie befindet, mit dem, was Jesus für die arme Bevölkerung seiner Zeit getan hat: er ist auf die aufzusuchen. Diese Berufung, die die unsere ist, ist auch die Hauptaufgabe der Kirche. Nun ist es aber so, dass die katholische Kirche von El Alto uns nicht nur nicht hilft, sondern auch über kein einziges eigenes, dem unseren ähnliches, Aktionsprogramm verfügt, um auf nachhaltige Art und Weise die arme Bevölkerung von El Alto zu unterstützen, das heißt, den Großteil der Bevölkerung von El Alto, über deren Alltag ich in allen meinen Rundbriefen berichtet habe.

Dass es Differenzen zwischen der Diözese von El Alto und Pater Lutz gibt, das kann vorkommen; solche Dinge passieren im Leben. Aber ich kann es mir nicht verkneifen, zu denken, dass es die wahre Aufgabe der Kirche ist, auf die Straße zu gehen, wie es Jesus zu seiner Zeit getan hat. Er hat kein Büro aufgemacht und gewartet, bis die Leute ihn dort gefunden haben, um ihm ihr Elend anzuvertrauen. Wenn der Bischof von El Alto nur 50% seiner Zeit darauf verwenden würde, sein Büro zu verlassen, um auf die Straße zu gehen, dann würden wir es vielleicht schaffen, uns wieder mit ihm zu verstehen und eine gemeinsame Vision und auch Arbeit zu teilen. Wenn ein Teil des Personals des Vatikan und warum nicht auch der Papst selbst 50% ihrer Zeit darauf verwenden würden, ihre Büros zu verlassen, um auf die Straße zu gehen, dann würde sich das Image unserer Kirche vielleicht endlich ändern und sie käme damit ihrer wahren Berufung wieder näher. Und dies hat genauso Gültigkeit für alle anderen christlichen Kirchen, sowie auch für alle anderen Religionen.  

Ich erlaube mir, meine Kirche zu kritisieren, denn ich bin katholisch und ich leide, wie viele andere auch, unter ihrer furchtbar reaktionären Position. Ich werde trotzdem nicht aus der Kirche austreten, wie es viele deutsche Katholiken als Reaktion auf die zahlreichen Fälle von Pädophilie in der deutschen Kirche getan haben (für die Franzosen möchte ich hier kurz erklären, dass sowohl die Katholiken, als auch die Protestanten in Deutschland eine Kirchensteuer zahlen müssen, die direkt von ihrem Gehalt abgezogen wird und die ausschließlich dafür vorgesehen ist, der Finanzierung der Kirche und insbesondere der Gehälter der Priester zu dienen. Wenn man also beschließt, diese Kirchensteuer nicht mehr zu zahlen, bedeutet dies automatisch, dass man aus der Kirche austreten muss). Ich werde meiner Kirche immer treu bleiben, was mich aber nicht daran hindern wird, ihr gegenüber Kritik zu äußern. 

Hiermit endet meine ehrenamtliche Arbeit in Bolivien und ich wünsche Euch allen Frohe Weihnachten. Möge es Euch gutgehen in der Freude und dem Frieden Gottes!

Xavier

 

Rundbrief Nr. 8

 

El Alto, 10. Dezember 2010

 

« Ich sage aber euch, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und nach diesem nichts weiter zu tun vermögen. Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der nach dem Töten Gewalt hat, in die Hölle zu werfen; ja, sage ich euch, diesen fürchtet. Werden nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennig verkauft? Und nicht einer von ihnen ist vor Gott vergessen. Aber selbst die Haare eures Hauptes sind alle gezählt. So fürchtet euch nun nicht; ihr seid vorzüglicher als viele Sperlinge.»

 Jesus zu seinen Jüngern, Lukas 12, 4-7

 Liebe Freunde,

 Schon Dezember! Das heißt, nur noch Zeit für zwei Rundbriefe an Euch bevor ich wieder nach Deutschland zurückkehre und dabei hätte ich noch soviele Dinge zu sagen. In diesem Brief möchte ich gerne ein bißchen Bilanz ziehen, sowohl über meinen Aufenthalt hier, als auch über die 4 Projekte, die die Grundlage unserer Arbeit hier bilden. Ich habe bewusst beschlossen, in diesem Brief vor allem auf die Probleme einzugehen, mit denen wir uns konfrontiert sehen, um dann zu beleuchten, in welche Richtung wir unsere Anstrengungen fortführen sollten. Denn, wenn man nur über das schreibt, was gut läuft, ist das zwar gut für die Moral, aber es ist nichts, was uns weiter bringt.

 Zuerst zu unserem ersten Projekt, « 100 Pasos » (100 Schritte): dieses wurde so genannt, um zu zeigen, dass unsere Schuhputzerkinder und –jugendlichen es Schritt für Schritt, mit Hilfe unseres Sparprogramms, schaffen können, ein Ziel zu erreichen, das sie sich gesetzt haben: z.B. sich ein Bett zu kaufen, ein Möbelstück oder, sich eine Ausbildung zu finanzieren, um eines Tages nicht mehr gezwungen zu sein, auf der Straße zu arbeiten, denn dies ist eine harte Arbeit, bei der man immer auf dem Boden sitzt und immer im Freien arbeitet, egal wie das Wetter ist - im Sommer, wie im Winter. Manche Schuhputzerkinder holen sich eine Blasen- oder Harnleiterentzündung, da sie immer auf der blanken Erde sitzen, selbst wenn es kalt ist. Außerdem darf man auch nicht die klimatischen Bedingungen in „La Ceja“ vergessen: morgens und abends ist es sehr kalt, aber tagsüber brennt die Sonne nur so vom Himmel. Dies ist auch ein Grund dafür, warum die Schuhputzerkinder Masken tragen: das schützt sie sowohl vor der Sonne als auch vor der Kälte.

Dieses Sparprogramm funktioniert relativ gut. Jeden Tag sparen die Schuhputzerkinder von ihrem auf der Straße verdienten Geld zwischen 1 und 10 Bolivianos und erhalten hierfür von unseren Erziehern ein Sandwich. Aber es wäre wichtig, eine Evaluierung dieses Programms durchzuführen, denn in 5 Jahren haben sich die Dinge natürlich weiterentwickelt; einige der Jugendlichen, die früher unseren Imbiss sehr schätzten, verschmähen ihn jetzt, da sie inzwischen genug verdienen, um sich eine richtige Mahlzeit für 6 bis 10 Bolivianos leisten zu können. Bei einem Preis von 1 Boliviano pro geputztem Paar Schuhe, können sie pro Tag 50 Bolivianos verdienen oder sogar bis zu 100 Bolivianos (11 €), für die Schuhputzer mit gutem Ruf. Für viele von ihnen ist dies also nun der ganz normale Arbeitsalltag und sie verdienen genug, um zu überleben; sie wollen gar nicht mehr zur Schule zurückkehren, um danach eine bessere Ausbildung zu machen. Im Gegenteil, sie schließen sich oft zu Banden zusammen und betrinken sich nicht selten bis zum Exzess. Wie kann man sie dazu bringen, ihre Einstellung zu ändern? In Bezug auf diese Zielgruppe müssten wir unsere Strategie überdenken, andere Methoden finden, um ihnen ein anderes Leben schmackhaft zu machen, damit sie im Leben weiterkommen.

Einerseits machen sie sich, aus denselben Gründen, gar nicht mehr erst auf den Weg, um zu unseren gemeinsamen, samstäglichen Mittagessen zu kommen, besonders seit wir das Haus in Rio Seco haben, was bedeutet, dass sie von „La Ceja“ aus eine 20-minütige Busfahrt auf sich nehmen müssten. Andererseits profitieren einige von ihnen (vor allem die Mädchen) von unseren Programmen zur Sexualerziehung, zur Prävention von häuslicher Gewalt, sowie dem Einkauf von Grundnahrungsmitteln in großen Mengen (z.B. ein Zentner = ca. 46 kg), finanziert von unseren amerikanischen Freunden (der Nichtregierungsorganisation « Ambassadors ») ; wir kaufen ihnen Grundnahrungsmittel, wie z.B. Zucker, Reis, etc. und sie zahlen den Preis dafür in kleinen Beträgen über einen längeren Zeitraum wieder zurück.

Letztendlich würden wir auch gerade für die Zielgruppe der Schuhputzerkinder gerne eine Schreinerwerkstatt eröffnen, damit sie ein neues, besser angesehenes Metier erlernen können, das auch besser bezahlt wäre (hierauf werde ich in meinem nächsten Rundbrief noch genauer eingehen).

Das Projekt « Luz en la oscuridad » (Licht im Dunkel) ist leider aktueller denn je. Wir müssen leider einen Zuwachs an Jugendlichen feststellen, die die Straße als ihren ständigen Aufenthaltsort wählen, sei es gezwungenermaßen oder aus freien Stücken. Vielleicht liegt dies am Beginn des Sommers, der natürlich mildere klimatische Bedingungen mit sich bringt oder am Ende des Schuljahres und am Beginn der Ferien? Viele Jugendliche, die sich in ihrer Familie oder an der Schule in einer prekären Situation befinden, wählen diese Jahreszeit, um von daheim abzuhauen. Wir stellen leider auch immer mehr Verletzungen fest, zum Teil aufgrund von Schlägereien der Jugendlichen untereinander, zum Teil aber auch durch die Polizei, die diese Zielgruppe schonunglos mit ihren Schlagstöcken traktiert, um sie zu vertreiben – und dafür haben sie den Segen der Anwohner des Viertels! Zum Glück haben wir seit einiger Zeit jeden Mittwoch die Hilfe einer Ärztin und einer Krankenschwester, die uns auf unseren Routen « 100 Pasos » (100 Schritte) und « Luz en la oscuridad » (Licht in der Dunkelheit) begleiten und zwar mit einer weitaus vollständigeren Notfallapotheke, als wir sie haben. Sie arbeiten für die Organisation « CIES », das ist eine Nichtregierungsorganisation die von « US aid » aus den Vereinigten Staaten finanziert wird. Sie verteilen unter anderem auch kostenlos Kondome, sowie ziemlich teure Medikamente. Sie sind für uns eine große Hilfe: nur wenige Ärzt wären bereit, unter solchen Bedingungen zu arbeiten: im Stehen oder in der Hocke, unter der brennenden Sonne, in einer nicht besonders gesunden Gegend – ganz zu schweigen von den Gefahren, die bei dieser Arbeit sonst noch auf einen lauern. (Vor zwei Wochen gab es eine Schlägerei zwischen zwei Jugendlichen, bei der auch Steine flogen – während unsere beiden Helferinnen dabei waren, einen der beiden Jugendlichen zu behandeln! Die Steine flogen wie verrückt, so dass wir davon gerannt sind und den armen Patienten zurücklassen mussten. Am nächsten Tag haben wir den Jugendlichen mitgeteilt, dass wir die Route für eine Woche aussetzen werden, um ihnen klarzumachen, dass unsere Arbeit nicht selbstverständlich ist und wir auch ein Minimum an Respekt fordern.) Außerdem sind die Ärztin und die Krankenschwester auch bereits ein paar Mal zu unserem gemeinsamen samstäglichen Essen gekommen, um dort eine kostenlose Sprechstunde abzuhalten und haben leider bei mehreren « unserer » Kinder Fälle von Unterernährung festgestellt. Wir hoffen, diese gemeinsame Arbeit noch weiter ausbauen zu können, z.B. indem wir den Jugendlichen samstags einen gemeinsamen Filmnachmittag anbieten (das muss dann wohl ein Action-Film sein, damit sie kommen!), bei dem aber in der Pause über ein für sie relevantes Thema gesprochen wird (z.B. Prävention, Sexualität, AIDS, etc.).

Wie kann man es schaffen mehr Jugendliche wieder vom Leben auf der Straße wegzubringen? Das ist wirklich sehr schwierig, so sehr zieht die Straße sie an. Die Freiheit, die Unabhängigkeit, die Solidarität, die man auch unter den Jugendlichen auf der Straße findet, all das bringt sie nicht gerade dazu stattdessen lieber in ein Heim zu gehen, wo sie natürlich Regeln respektieren müssen. Noch dazu kommt, dass es, wenn sie erst einmal volljährig sind, sehr schwierig ist, einen Platz für sie zu finden, da nur sehr wenige Institutionen Volljährige aufnehmen. Letztendlich ist es so, dass einzig und allein der Winter sie dazu bringt, sich ein Obdach zu suchen.

Auch hier müssten wir über neue Strategien nachdenken und versuchen, die Koordination mit den anderen Institutionen zu verbessern. Wie kann man die Jugendlichen dazu bringen, von der Straße wegzukommen? Sich zu waschen? Den Dorgen- und Alkoholkonsum aufzugeben? Sie fragen uns oft, wenn sie uns mit unserer Notfallapotheke sehen: « Du hast nicht vielleicht zufällig ein Medikament gegen den Alkohol? » Traurigerweise ist das einzige Mittel, das bis jetzt meist gewirkt hat, einfach abzuwarten, bis sie wirklich am Boden sind – und es ist wirklich nur dann, dass sie sich an unsere Worte erinnern, sogar unsere Handynummer wiederfinden, uns tatsächlich anrufen und dann auch Hilfe annehmen.

Oft, wenn ein Jugendlicher auf der Straße stirbt, sind wir die einzigen, die sich um seine Beerdigung kümmern und diese Geste bringt uns den Respekt und die Anerkennung der anderen Jugendlichen. Ich habe dies, seit ich in Bolivien bin, einmal miterlebt. Die Tradition hier schreibt vor, dass man ein oder zwei Tage eine Totenwache am Leichnam vornimmt, bevor er dann beerdigt wird. Die anderen Jugendlichen von der Straße haben genau dies getan, mitten auf der Straße, bis ein Krankenwagen den Leichnam in die Leichenhalle gebracht hat. Normalerweise kontaktieren wir in einem solchen Fall die Familie des Verstorbenen, aber oft unternimmt diese nichts, da sie sonst die Kosten für die Formalitäten übernehmen müsste. Letztendlich sind es meist die anderen Jugendlichen von der Straße, die uns fragen, ob wir nicht vielleicht doch für ein christliches Begräbnis sorgen könnten…

Der Ort, an dem uns unsere Arbeit am effizientesten und wenigsten frustierend erscheint, das ist vor allem bei uns oben, in El Alto, dort, wo wir versuchen, den Absturz der Jugendlichen auf der Straße zu verhindern, im Projekt « Luna llena 1 » (Vollmond 1). Die Kinder auf dieser Route arbeiten nachts auf der Straße, im selben Viertel wie die Jugendlichen, die bereits komplett auf der Straße leben. Für diese Zielgruppe ist das Risiko sehr hoch, in die Kriminalität oder den Dorgenmissbrauch abzurutschen. Diese Kinder, die hier nachts auf der Straße arbeiten und noch « clean » sind, werden, wie bereits erwähnt, von ihren Eltern zum Arbeiten missbraucht und einige von ihnen landen dann letztendlich ganz auf der Straße, da sie keine Lust mehr haben, abhängig zu sein von skrupellosen Erwachsenen.

In meinem letzten Brief hatte ich Euch von der Familie Anahua erzählt, deren vier Töchter abends das Getränk „Linaza“ auf der Straße verkaufen. Und, trotz der Kontrolle durch die Mutter, sind nun zwei der Mädchen, Lourdes, 14 Jahre und Cristina, 13 Jahre alt, vor ca. zwei Wochen von daheim abgehauen. Die Eltern hatten sich heftig gestritten, die Mutter hatte dem Vater vorgeworfen, dass er nicht arbeitet und dass er trinkt. Daraufhin haben die beiden Mädchen sich von schlechten Bekanntschaften, die sie während ihrer nächtlichen Arbeit in dem Viertel gemacht hatten, anstiften lassen, von zuhause abzuhauen. Wenn sie längerfristig auf der Straße überleben wollen, werden sie wählen müssen zwischen Stehlen oder Prostitution. Und wenn sie sich erstmal an das schnell verdiente Geld gewöhnt haben, wird es schwer sein, sie da wieder herauszuholen, besonders, da sie im Moment natürlich auch nicht mehr zu unserem allabendlichen Treffpunkt kommen und wir somit auch gar nicht wissen, wo in „La Ceja“ sie sich zur Zeit herumtreiben. Allerdings hoffen wir, dass sie bald wieder auftauchen werden – unserer Meinung nach war dies nur ein kurzer Ausreissversuch und noch keine Entscheidung, definitiv auf der Straße zu leben. Dennoch müssen wir uns die Frage stellen: „Was hätten wir tun müssen, um die Mutter noch mehr unter Druck zu setzen, damit sie sich eine andere Arbeit sucht und die Kinder nicht mehr nachts auf der Straße verkaufen müssen?“ Wir müssen unsere Vorgehensweisen hinterfragen und andere Arbeitsweisen finden, mit denen wir effizienter auf die Eltern dieser Kinder einwirken können. Ich persönlich bin für eine systematischere Anzeige von Missbrauchsfällen durch die Eltern an die Defensoria (öffentliche Kinderschutzbehörde). Aber nicht alle Erzieher sind unbedingt meiner Ansicht. Erstens besteht ein reelles Risiko, dass die Eltern uns hassen und uns auf die eine oder andere Art und Weise die Schuld für alles in die Schuhe schieben werden – ohne dass wir auf den Schutz der Polizei hoffen könnten, die ganz genau über alles informiert ist, was in „La Ceja“ passiert! Und zweitens bergen die Kinderheime in diesem Land auch große Nachteile, von denen ich ja bereits berichtet hatte. Es ist nicht meine Aufgabe, für alle Probleme eine Lösung zu finden und die Erzieher können die Situation, aufgrund ihrer Erfahrungen, sehr viel besser analysieren als ich. Wenn wir nur genug Geld hätten, um unser eigenes Kinderheim aufzumachen!... Aber es gibt in La Paz durchaus Institutionen, die über Strukturen zur Aufnahme von Kindern verfügen und wir müssten einfach unsere Arbeit besser mit ihnen koordinieren.

Last, but not least möchte ich in diesem Rundbrief noch auf das Projekt „Luna llena 2“ (Vollmond 2) eingehen, das im Juli 2010 ins Leben gerufen wurde und das uns ebenfalls vor Schwierigkeiten stellt, die wir in dieser Größenordnung so nicht vorausgesehen hatten. Diese Route, die sich mitten im Zentrum von La Paz befindet, hat sich als schwieriger herausgestellt als die anderen Projekte, die sich in „La Ceja“ befinden. In « La Ceja » sind wir quasi « zu Hause », wir kennen die Jugendlichen und ihre Familien gut und schon seit langem und wir sind dort die einzige Organisation, die jeden Tag und vor allem auch nachts dort Streetwork macht. Unten, in La Paz arbeiten die diversesten Organisationen, die leider unsere Zielgruppe dort zum « Assistentialismus » erzogen haben, die große Falle, die es eigentlich zu vermeiden gilt. Aber es ist halt so einfach, ein kostenloses Essen anzubieten, ohne eine wahre Rehabilitationsarbeit mit den Betroffenen zu machen, was bedeuten würde, wirklich jeden Abend und langfristig auf der Straße präsent zu sein. Letzteres ist das, was wir zu tun versuchen, aber unsere Zielgruppe in La Paz ist daran nicht gewöhnt und will somit Hilfe im Überfluss, jedoch ohne Gegenleistung. Wir verlangen einzig und allein eine Gegenleistung: dass die Eltern über ihre Lebensform und die Gefahren, die auf der Straße auf ihre Kinder lauern, nachdenken. Man muss wirklich Schritt für Schritt gegen diese Mentalität des Assistentialismus ankämpfen.

Außerdem sind wir mit einer Art „Gewerkschaftsvereinigung der Menschen, die auf der Straße arbeiten“ aneinander geraten, deren Präsident eine sehr zweideutige Politik verfolgt. Er verlangt von jeder Familie, die Mitglied dieser „Gewerkschaft“ sein möchte, einen Mitgliedsbeitrag und versichert ihnen im Gegenzug, dass die Polizei sie in Ruhe lassen wird. Noch zusätzlich zu dieser legalen Schutzgelderpressung, ruft er seine Mitglieder dazu auf, sich den « Prado », d.h. die Straße in La Paz, auf der die meisten Touristen unterwegs sind, anzueignen und vertreibt somit wortwörtlich die anderen Familien von dieser Straße, die keinen Mitgliedsbeitrag an diese „Gewerkschaft“ zahlen. Wir jedoch, wir helfen allen. Diese «Gewerkschaft» wird durch eine Organisation unterstützt, die einen Mittagstisch für die Armen auf dem « Prado » anbietet, mit einem Büro, einer Sozialarbeiterin und einem Psychologen, der gleichzeitig der Präsident der Organisation ist. Bei einer Zusammenkunft mit dieser Organisation, die dem besseren gegenseitigen Kennenlernen dienen sollte, haben sie es sich erlaubt, uns zu belehren, zu sagen, unsere Arbeit sei «zweideutig» und unsere Tour auf das Verteilen von Brot zu reduzieren. Anstatt einfach nur einen Gegenangriff zu starten, haben wir versucht, ganz genau herauszufinden, was diese Organisation so treibt... Es stellte sich heraus, dass der Psychologe und die Sozialarbeiterin immer nur in ihrem Büro arbeiten und nie auch mal selbst auf die Straße gehen! Jedoch, all die sozialen Probleme, die wir bei diesen Familien entdeckt haben, haben wir nur erfahren, indem wir Tag für Tag auf der Straße mit den Eltern, den Kindern und den Freunden der Kinder gesprochen haben, die uns darauf aufmerksam gemacht haben. Diese Zielgruppe wird niemals ins Büro der Sozialpädagogin gehen, um dort ihr Leben zu erzählen bzw. wenn sie es wirklich tun, dann würden sie versuchen, die Wahrheit so zu manipulieren, dass sie daraus einen Nutzen schlagen können (siehe ein bißchen später in diesem Brief der Fall von Doña María und Doña Paulina...). Außerdem hat uns der „Psychologen-Präsident“ erzählt, dass sie auch über eine Schreinerwerkstatt, sowie eine Nähwerkstatt, etc. verfügen, also genau das, was wir gerne ins Leben rufen würden! Also haben wir uns gesagt: Wouaouh ! Was für ein Glück sie haben!... Jedoch, nachdem wir unter den ganzen Straßenkindern diesbezüglich herumgefragt hatten, kam heraus, dass keines von ihnen jemals in den Genuss gekommen war, eine dieser Werkstätten auch nur zu betreten!! Also, was für eine Arbeit macht diese Organisation wirklich ??

Zwischen den Familien, die Mitglied in dieser « Gewerkschaft » sind und den Familien, die es nicht sind, gibt es also sehr viel Konkurrenz und Konflikte, um sich die lukrativen Plätze auf dem „Prado“ zu erobern und wir, wir sind mitten unter ihnen und versuchen, die Kämpfe etwas abzumildern. Von einer Mutter mit drei Kindern bekamen wir bereits zu hören, dass sie unsere Hilfe nicht mehr will, da wir auch einer Familie, mit der sie in Konkurrenz steht, geholfen haben. Dies ist wirklich eine komplizierte Situation und wir veranstalten hier eine Art Eierlauf, immer mit dem Versuch, alle Welt wieder untereinander zu versöhnen, während diese « Gewerkschaft » genau das Gegenteil davon tut.

Während der Weihnachtszeit steigt die Zahl der Kinder, die auf der Straße verkaufen, aufgrund der Schulferien an. Sie kommen sogar aus Potosi und Oruro, um sich, durch das Weihnachtsgeschäft, ein bißchen Geld zu verdienen, aber auch aus La Paz. Viele Kirchen und Organisationen gehen also zu dieser Jahreszeit auf die Straße, um diesen Kindern etwas zum Essen, sowie eine oberflächliche Hilfe anzubieten, die gerade mal einen Monat dauert. Auch hier sehen wir uns mit unserer langfristigen Arbeit gegenüber diesen Organisationen in einer schwierigen Situation. Wenn soviele ganz anders arbeiten, wie sollen wir da diese Familien dazu bringen, mit uns eine langfristige Arbeit zu leisten und diese Einstellung des Assistentialismus aufzugeben?

Ein anderes Problem stellen für uns die Jugendlichen, die wirklich auf der Straße leben, sowie auch die Schuhputzer dar, die Klebstoff inhalieren und in Banden über den „Prado“ ziehen. In « La Ceja » kennen wir diese Jugendlichen und  haben ein extra Programm für sie. Das heißt, wenn sie dort abends auf unserer Route « Luna llena 1 » (Vollmond 1) auftauchen, können wir ihnen sagen: « Hier bist Du nicht willkommen. Dies ist die Route der Kinder, die auf der Straße arbeiten, aber keine Drogen zu sich nehmen. Wir sehen uns morgen früh zum Frühstück, o.k.? ». Unten in La Paz hingegen, kennen wir diese Jugendlichen nicht und haben auch kein Programm für sie. Sie treten an uns heran und sagen: « Hey, gib mir auch heiße Schokolade! ». Also erklären wir ihnen, dass unsere Route nicht für sie ist, sondern für die Kinder, die auf der Straße arbeiten, aber keine Drogen zu sich nehmen. Da wir diese Jugendlichen in La Paz nicht kennen und sie, noch dazu, zurückweisen, fangen sie dann an, uns zu beleidigen und wir sind gezwungen, uns aus dem Staub zu machen, was uns die Arbeit mit unserer Zielgruppe natürlich noch weiter erschwert.

Ein weiteres Problem, das spezifisch für diese Tour ist und auch in dieser Mentalität des Assistentialismus begründet liegt, ist die Tatsache, dass wir hier viele Frauen antreffen, die zusammen mit ihren Kindern betteln. Dies ist etwas, das wir in « La Ceja » nie sehen, da dort wirklich alle arbeiten (klar, dort gibt es auch keine Touristen, die man um ein Almosen anbetteln könnte). Diese Zielgruppe in La Paz ist sehr manipulativ, wie wir bereits auf unsere Kosten feststellen mussten. Erinnert Ihr Euch an Doña María und Doña Paulina, die ich Euch in meinem Rundbrief Nr. 3 vorgestellt hatte?... Beide haben uns, um ihr Privatleben zu schützen, angelogen und uns dabei aber gleichzeitig so manipuliert, dass sie unsere Hilfe erhalten.

Als wir Doña María das erste Mal getroffen haben, ging es ihr sehr schlecht und sie erzählte uns, sie habe einen nichtbehandelten Leistenbruch. Es stellte sich als unmöglich heraus, sie zu überzeugen, sich im Krankenhaus behandeln zu lassen – und das mit gutem Grund... Eines schönen Tages erzählt sie uns, dass nun alles wieder in Ordnung sei – und, in der Tat, ihr Bauch war überhaupt nicht mehr angeschwollen, so wie vorher!?... Wir haben niemals wirklich die Wahrheit herausfinden können, aber wir vermuten das Schlimmste. Zum Beispiel ist es gut möglich, dass sie schwanger war und dass das Baby verkauft wurde. Menschenhandel mit einem Baby? Oder, noch schlimmer, Organhandel?... Das ist natürlich nur eine Vermutung, aber unsere Indizien stimmen überein. Natürlich können wir nichts beweisen…

Doña Paulina erschien uns ursprünglich als eine bewundernswerte Frau, die für ihre Tochter Marguarita kämpfte, die im September von einem Taxifahrer vergewaltigt worden war. Eigentlich haben wir erst durch die Defensoria (Kinderschutzbehörde) erfahren, dass sie sich teilweise sehr seltsam verhalten hat und dass ihr deshalb die Tochter weggenommen und in ein Kinderheim gesteckt wurde. Auch hier haben wir natürlich wieder keine Beweise, aber es kam uns so vor, als wäre es nicht das erste Mal, dass die kleine Marguarita vergewaltigt wurde, da sie sich auch danach so verhielt als wäre alles für sie ganz normal. Außerdem haben wir erfahren, dass sie eine Tendenz dazu hat, auf Taxifahrer zuzugehen, als wäre es normal für sie, Beziehungen zu Erwachsenen zu haben – und all das unter Aufsicht und Wissen ihrer eigenen Mutter. Die kleine Marguarita (11 Jahre alt) ist in extremer Gefahr, irgendwo als Prostituierte zu landen, wenn nicht dringend eine spezifische psychologische Arbeit mit ihr begonnen wird. Und es ist nicht einfach, den Grad der Schuld ihrer eigenen Mutter an dem Ganzen einzuschätzen … ihrer Mutter, die weiterhin jeden Abend auf dem „Prado“ bettelt. Vielleicht liegt ihre Schuld nur in ihrer Ignoranz - oder ist es schlimmer?...

Aufgrunddessen, dass wir jeden Abend auf der Straße präsent sind, erfahren wir immer irgendwann alles. Aber unten in La Paz ist alles sehr viel komplizierter als in El Alto und dauert länger…

Und schließlich gibt es noch ein letztes Problem, nämlich die Tatsache, dass wir unsere zwei Erzieher, die dieses Projekt aufgebaut hatten, verloren haben: Amanda und David. Letztendlich haben sie sich, unter anderem aufgrund des zu geringen Einkommens, dazu entschieden, aufzuhören und sich nun Vollzeit ihrem eigenen pädagogischen Projekt zu widmen. Die beiden neuen Erzieher, die wir nun probeweise eingestellt haben, müssen nun die ganze Vertrauensarbeit mit den Kindern wieder von vorne beginnen. Letztere sind natürlich enttäuscht und fühlen sich von Amanda und David gefühlsmäßig „verraten“.

All diese Unannehmlichkeiten haben die Entwicklung des ursprünglichen Projekts natürlich enorm verzögert: wir wollten eigentlich Mikro-Kredite vergeben, den Eltern beibringen, wie sie kunsthandwerkliche Objekte zum Verkauf fertigen können, etc. All dies ist nun aber weit entfernt davon, in die Tat umgesetzt zu werden. Wir müssen nun zu allererst eine Arbeit auf der Familienebene leisten, die Problematiken in den Familien unserer Zielgruppe identifizieren und Schritt für Schritt Einfluss auf die Eltern nehmen, bevor wir ihnen unsere Hilfe anbieten können, damit das alles nicht einfach nur ein Schlag ins Wasser wird.

Ich wollte in diesem Rundbrief unsere Probleme thematisieren, um dann Lösungen für diese zu suchen. Meine letzten Rundbriefe haben vermutlich recht pessimistisch und hoffnungslos gewirkt, so sehr müssen die Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sehen, wie unüberwindbare Berge wirken. Denn durch die Brille unserer Organisation nimmt man die bolivianische Bevölkerung oft wahr als arm an allem und dies erweckt den Eindruck, dass es dem Land sehr schlecht geht. Aber, in Wahrheit, ist dies falsch: Bolivien ist ein reiches Land in allen Bereichen: es verfügt über eine Fläche, die zweimal der von Frankreich entspricht und dies für nur 9 Millionen Einwohner, es gibt eine große Anzahl an für die Landwirtschaft geeigneten Anbauflächen, sowie eine Klimadiversität, die es erlaubt, sowohl Reis, Soja, Mais und Kartoffeln, als auch z.B. Zuckerrohr anzubauen... Das Land ist reich an Erdgas, Erdöl, Mineralien, Edelmetallen... Unten in La Paz fahren brandneue Jeeps herum – und nicht nur von Zeit zu Zeit.

Auf einem Seminar mit anderen Organisationen aus La Paz, die ebenfalls mit Straßenkindern arbeiten, wurde mir bewusst, dass sie alle aus dem Ausland finanziert werden: allen voran aus Deutschland und den USA. Wir machen also die Arbeit, die der bolivianische Staat eigentlich selbst leisten müsste und Bolivien ist reich genug, um die sozialen Programme, die notwendig wären, selbst aufzubauen: von der Familienplanung bis zum Kampf gegen den Alkoholismus und natürlich führt kein Weg an kostenloser und obligatorischer Schulbildung vorbei.

In anderen Worten: die bolivianische Gesellschaft wartet darauf das Ausländer für die Lösung ihrer sozialen Probleme bezahlen, während die Führungsklasse sich weiterhin auf dem Rücken der 60% Armen des Landes bereichert.

Allerdings zeigen uns die Kinder von Luna llena 1 und 2 (Vollmond 1 und 2) jeden Tag, wie wichtig unsere Arbeit ist. Die Berge, mit denen wir manchmal konfrontiert sind, wir können sie – dank des Senfkornes unseres Glaubens - versetzen. Dieses Wunder, wir dürfen es von Zeit zu Zeit erleben mit einem Kind oder einem Jugendlichen, der auf der Straße lebte und der, obwohl eigentlich schon alles für ihn verloren schien, wieder aufsteht und losgeht. Freddy erinnert uns oft an dieses Wort von Pater Lutz: « Solange dieser da nicht tot und begraben ist, müssen wir alles tun, um die Hoffnung zu erhalten, dass er eines Tages mit seinem Leben zurecht kommen wird, immer ein Wort oder eine Tat wagen, damit er wieder aufsteht, auch wenn es im Moment nicht den Anschein hat. » Und es wird funktionieren!...

Vielen Dank für Eure Unterstützung und Euer Gebet. Möge es Euch gut gehen in der Freude und dem Frieden Gottes.

 

Xavier

 

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Rundbrief Nr.7: Das Projekt « Luna llena 1 » (Vollmond 1)

 

El Alto, 19. Novemebr 2010

 

 

Sie brachten auch kleine Kinder zu ihm, damit er sie anrühren sollte. Als das aber die Jünger sahen, fuhren sie sie an.

Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.

Wahrlich, ich sage euch: Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

 

Lukas 18, 15-17

 

 

Liebe Freunde,

 

Ich habe Euch bereits vom Projekt « Luna llena 2 » (Vollmond 2) erzählt, aber noch nicht vom Älteren der beiden Projekte, dem Projekt « Luna llena 1 » (Vollmond 1), das schon seit mehr als 2,5 Jahren existiert. Es besteht aus einem nächtlichen Rundgang im Zentrum von El Alto, das „La Ceja“ (die Augenbraue) genannt wird. Wir beginnen unseren Rundgang jeden Donnerstag, Freitag und Samstag gegen 19:30 Uhr und sind dann bis ca. 22:30 Uhr oder sogar 23 Uhr auf der Straße unterwegs. Wir haben es auch an den anderen Tagen versucht, aber da sind nicht viele Kinder unterwegs, denn sie gehen an den Tagen auf die Straße, um dort ihre Waren zu verkaufen, an denen dort viel los ist und das bedeutet am Wochenende. Was für eine Art Menschen trifft man dort am Wochenende auf der Straße?... Davon hatte ich Euch schon mal kurz erzählt: es handelt sich hierbei um Leute, die ausgehen, um sich zu amüsieren, etwas trinken zu gehen oder auch einfach ihre Einkäufe zu erledigen. In der Tat ist die Straße voll von Menschen, Familien, die sich, zum Teil sogar auf dem Boden, niederlassen, um ihre Waren zu verkaufen; die Eltern sitzen hinter den Waren, die sie verkaufen wollen, die Kinder haben einen Rucksack mit einem ganzen Spektrum an Produkten dabei (Zigaretten, die sie einzeln verkaufen, Bonbons, Stofftiere, ein heißes Getränk, das sich « Linaza » nennt: wenn ich es richtig verstanden habe, wird dieses Getränk aus Leinsamen und grüner Zitrone hergestellt) und laufen die Straßen auf und ab, um ihre Waren zu verkaufen.

 

Ich habe dort auf der Straße keine Fotos gemacht, denn, mit dem Blitzlicht, zieht das die Blicke auf sich und das ist gefährlich (ein « Gringo » mit einem Fotoapparat, das ist interessant für die Taschendiebe), aber versucht einfach, es Euch vorzustellen: überall eine riesige Menschenmenge, die in den Bars ein- und ausgehen, bereits mehr oder weniger betrunken, obwohl es erst 21 Uhr ist; eine Unzahl an Erwachsenen und Kindern, die Waren verkaufen, die Straßen voller Mini-Busse, die permanent im Stau stehen und wir mittendrin, mehr oder weniger gezwungen, deren Abgase zu inhalieren; ein infernalischer Lärm dringt aus den Diskotheken und natürlich sind auch die Taschendiebe unterwegs, immer auf der Suche nach den schwächsten Opfern, um diese auszurauben.

 

Es versteht sich von selbst, dass ich auf dieser Tour immer begleitet werde, meistens von Edwin, der quasi als mein Leibwächter fungiert (Edwin hat auf der Straße gelebt: er kennt alle Gefahren und Fallen, die dort auf einen lauern). Die beiden Erzieher, die für diese Route verantwortlich sind, Franz und Sylvia, riskieren wirklich bei jedem Rundgang Kopf und Kragen. Sie müssen so diskret wie möglich arbeiten und versuchen, den Leuten nicht in die Quere zu kommen, die sie eventuell angreifen könnten, das heißt, sowohl den Kriminellen, als auch den Notleidenden, die auf der Straße leben. Letztere kennen wir zum Glück durch unseren morgendlichen Rundgang, um diese Uhrzeit sind sie jedoch oft schon betrunken oder im Drogenrausch. Sie respektieren uns, da sie uns kennen, aber man muss trotzdem auf der Hut sein, im nicht reinzufallen! Wir müssen immer vorsichtig handeln. Ganz zu schweigen von den Kindern, die auf diesen Straßen bis spät in die Nacht herumlaufen, um Waren zu verkaufen... Sie sind permanent in Gefahr. Meiner Meinung nach ist es ein Wunder, dass es nicht noch mehr Fälle von tätlichen Übergriffen und Vergewaltigungen gibt. Zum Glück sind diese Kinder sehr gewieft und spüren die Gefahr schon von weitem. Schon bei dem geringsten Anzeichen einer Gefahr, rennen sie davon.

 

Bei jedem dieser Rundgänge erreichen wir gegen 19:30 Uhr unseren Treffpunkt mit den Kindern. Normalerweise sind dann bereits einige von ihnen da und warten auf uns. Wehe wir sind ein bißchen spät dran! Sie rempeln uns (leicht) an und sagen: « Warum kommt Ihr so spät?! ». Zwischen 30 und 40 Kinder, im Alter von 6 bis 19 Jahren, gehören zu diesem Projekt, die meisten von ihnen sind zwischen 13 und 14 Jahre alt. Unter ihnen sind mehr Mädchen als Jungen; dies ist eine weitere Diskriminierung: die Jungs werden von ihren Eltern oft mehr geliebt, und müssen somit weniger oft arbeiten oder aber sie gehen anderen Arbeiten nach: arbeiten als Schuhputzer oder als Helfer, die in den Mini-Bussen die Haltestellen ansagen.

 

Wir verteilen heiße Schokolade und Milchbrötchen. Die Diskussionen können beginnen. Franz und Sylvie folgen diesen Kindern Woche um Woche. Ihr Job ist es, soviele Informationen wie möglich einzuholen: Was ist Anfang der Woche passiert? Wer hat welche Dummheiten gemacht, wer hat wen dazu verführt, auszugehen, Alkohol zu trinken, etc.? Dank des Vertrauens der Kinder, das wir uns erworben haben, kriegen wir immer alles raus! Danach beginnt der erzieherische Teil der Arbeit: der und der hat die und die zum Drogenkonsum verführt. Dem Schuldigen wird sofort die Teilnahme an allen von unserem Verein organisierten Aktivitäten für einen bestimmten Zeitraum verboten: er bekommt von uns keinen Imbiss mehr auf der Straße, darf auch samstags nicht mehr zu unserem gemeinsamen Essen kommen und bekommt auch kein Geburtstags- und/oder Weihnachtsgeschenk von uns. Die Sanktion soll dabei helfen, dass das Kind, das die Dummheit begangen hat, sich seines Fehlers bewusst wird. Wir müssen versuchen, es zu bestrafen, ohne dass es komplett die Lust verliert, weiterhin mit uns zusammenzuarbeiten und müssen es dabei ermuntern, weiterhin auf dem richtigen Weg zu bleiben. Das ist nicht einfach, aber die Erzieher sind an diese Aufgabe gewöhnt, es ist schließlich ihre Arbeit. Was das Kind betrifft, das sich hat verführen lassen, das nehmen wir uns zur Brust und lesen ihm die Leviten. Wir sprechen auch mit seinen Eltern, um deren Unterstützung zu erhalten und damit sie im gleichen Sinne auf ihre Kinder einwirken.

 

Was sind die spezifischen Probleme, die wir auf diesem Rundgang antreffen? Es gibt zwei Hauptprobleme: Erstens die Eltern und der schlechte Einfluss derjenigen Kinder, die bereits drogenabhängig sind oder die stehlen.

 

Die Eltern unserer Kinder verfügen in der Regel über ein geringes Bildungsniveau, sind arm, oft Alkoholiker und nutzen ihre Kinder meist als billige Arbeitskräfte aus. Die Kinder werden nicht als eine Chance und eine Zukunft für die Familie gesehen, sondern rein als ein Mittel zum Geldverdienen. Im besten Fall sitzen die Eltern mit ihren Waren auf der Straße und die Kinder dienen als laufende Straßenhändler. Sie sind es, die das meiste Geld verdienen! Im schlechtesten Fall schicken die Eltern ihre Kinder zum Arbeiten, während sie selbst sich betrinken. Wie soll man diesem Teil der Bevölkerung zu einem Unrechtsbewusstsein verhelfen? Das ist wirklich alles andere als einfach. Oft kann man nicht viel mehr tun, als diesen Kinder wenigstens ein bißchen menschliche Wärme zu geben und zu versuchen, ihnen Orientierung zu geben, trotz des negativen Einflusses ihrer Eltern. Letztere sind sich nicht im Geringsten darüber bewusst, was sie ihren Kindern antun. Sie haben immer so gelebt und verstehen nicht, dass ihre Kinder auf der Straße in permanenter Gefahr sind. In einigen Fällen hören uns die Eltern zu und erkennen, dass ihre Kinder eine Quelle der Freude sind, die man beschützen muss. Aber diese Arbeit ist langwierig und man weiß nie, mit welcher Effizienz man die Eltern erreicht hat, ob man ernsthaft Einfluss auf sie nehmen konnte oder nicht. Das ist eine sehr undankbare Arbeit.

 

Das zweite Problem ist die Tatsache, dass die Kinder sich Schritt für Schritt daran gewöhnen, auf der Straße zu leben. Diese wird zu ihrem Universum. Sie verlieren die Gewohnheit, bei sich daheim ihre Hausaufgaben zu machen und fühlen sich wohl auf der Straße, wo es immer ein Abenteuer zu leben gilt. Außerdem werden sie sehr früh daran gewöhnt, den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Was ist also das Risiko? Dass sie sich Schritt für Schritt von den Kindern mitreissen lassen, die bereits Drogen nehmen bzw. von den jugendlichen Taschendieben. Selbstverständlich ist der Zutritt zu unserem Treffpunkt diesen beiden Gruppen verboten, aber das reicht nicht aus. Wenn es einem Kind schlecht geht, weil seine Eltern trinken oder gewalttätig sind, wird es leicht Lust verspüren, dieses Leid in Alkohol oder Drogen zu ertränken.

Manche Kinder lassen sich auch zum Stehlen verleiten: ein Kind, das das Getränk « Linaza » verkauft, verdient 50 Bolivianos pro Nacht (5 €). Wenn es anfängt um 4 Uhr morgens schlafende Säufer in den Straßen zu bestehlen, kann es sich ohne Probleme 300 Bolivianos (30 €) pro Nacht „verdienen“! Wenn diese Kinder keine Moralvorstellungen haben, werden sie sich kaum weiter abkämpfen, um « Linaza » für ihre Eltern zu verkaufen, wenn sie doch durch das Stehlen weitaus mehr Geld „verdienen“ können. Das ist genau das gleiche Problem, dass man in Frankreich in den „Banlieues“ vorfindet, wo der Verkauf von Drogen sich als sehr viel lukrativer herausstellt, als irgendeine „normale“ Arbeit. Außerdem werden die, die diese Drogen verkaufen, diskriminiert, wenn sie einen normalen Arbeitsplatz suchen, genau wie die Kinder aus den benachteiligten Vierteln bei uns, die sich von der « normalen » Bevölkerung zurückgewiesen fühlen.

Und das ist noch nicht alles. Einige Eltern halten ihre eigenen oder auch fremde Kinder dazu an, für sie zu stehlen. Sie gewähren ihnen Unterkunft (oft verlassen diese Kinder ihr eigenes Zuhause, weil sie unabhängig sein wollen) und erhalten als Gegenleistung 20 Bolivianos Miete pro Tag. Eltern, die dies tun, « verdienen » somit pro Tag genug Geld, um selbst nicht arbeiten zu müssen und sich den ganzen Tag über besaufen zu können.

 

Unsere Arbeit besteht darin, all dies zu verhindern, unablässig mit den Kindern zu sprechen, damit sie sich der Risiken auf der Straße bewusst werden, sie dazu zu bewegen, dem scheinbar schwierigeren Weg zu folgen, der jedoch die Freude und das Glück des Lebens mit sich bringt. Die Kinder spüren das. Sie spüren, was ihnen Leiden verursachen kann und sie spüren auch die Liebe und Zuneigung, die wir versuchen, ihnen zu geben. Manche Kinder von 6 bis 7 Jahren wird man gar nicht mehr los, so sehr sind sie auf der Suche nach Zuneigung. Sie fragen uns 10 Mal: « Du kommst aber morgen wieder, gell ? » Was soll man darauf antworten?... « Ja, natürlich komme ich morgen wieder! ». Selbst wenn man für morgen eigentlich etwas anderes vorgehabt hatte!

 

 

Nun würde ich gerne meine Worte illustrieren, indem ich Euch einige Kinder und ihre Eltern vorstelle:

 

        

Sylvia diskutiert mit Eddie, 16 Jahre alt, Ansager in einem Mini-Bus. Rechts Franz mit Marisol, 18 Jahre, Stofftier- und Rosenverkäuferin.

 

 

Eddie ist von daheim abgehauen. Sein Vater ist tot und er hat somit kein väterliches Vorbild mehr. Er hatte angefangen, zu stehlen, aber es war leicht, ihn davon wieder abzubringen. Dies zeigt, dass er durchaus eine elterliche Erziehung genossen hat. Er geht nicht mehr zur Schule und sein Ziel ist es, zu arbeiten, um unabhängig zu sein und dann, als jemand, der es geschafft hat, nach Hause zurückzukehren. Es wäre ihm, gegenüber seiner Mutter, peinlich, wenn dies nicht der Fall wäre. Im Moment hat er zwei Jobs und er arbeitet hart.

 

Marisol ist der typische Fall einer jungen Erwachsenen, die sich in einer gesunden Arbeitssituation befindet. Leider ist sie damit, unter unseren Kindern, eine Ausnahme. Sie verkauft Stofftiere, um ihren Eltern zu helfen und spart aber jeden Tag einen Teil ihrer Einkünfte für ihr Studium. Sie wird dieses Jahr ihr Abitur machen und wenn sie zuviele Hausaufgaben hat, dann zieht sie nicht los, um Stofftiere zu verkaufen, sondern gibt dem Lernen den Vorrang, mit der vollen Unterstützung ihrer Eltern, obwohl diese ziemlich arm sind.

 

Diesen beiden Jugendlichen wäre sehr geholfen, wenn sie einen Paten fänden, der ihnen jeden Monat eine bestimmte Geldsumme schickt, damit sie studieren können. Eddie könnte dann sein Abitur machen, das Zeug dazu hätte er. Marisol würde nach dem Abitur gerne an der Universität studieren, kann aber nicht auf die Hilfe ihrer Eltern zählen, da diese kein Geld haben.

 

 

Die Familie Anahua:

Doña Judil Anahua ist 37 Jahre alt und hat 5 Kinder: José Luis, 16 Jahre alt, Lourdes, 14 Jahre, Cristina, 13 Jahre, Belén, 11 Jahre und María José, 6 Jahre. Man findet die Mutter und die vier Töchter auf der Straße, wo sie das Getränk „Linaza“ verkaufen. Dies ist die einzige Einkommensquelle der ganzen Familie. Der Vater arbeitet, aufgrund einer Verletzung, nicht mehr, stattdessen trinkt er. Was der älteste Sohn macht, wissen wir nicht, was aber sicher ist, ist die Tatsache, dass er nicht, wie seine Schwestern, auf der Straße arbeitet.

 

 

              

Doña Judil und Belén, 11 Jahre alt. Rechts: Belén mit ihrer heißen « Linaza » in kleinen Plastiksäckchen, die mit einem Strohhalm ausgestattet sind; neben ihr, ihre Freundin Wara, 11 Jahre alt, von der ich ein bißchen später noch sprechen werde.

 

 

 

Von rechts nach links: die kleine María José, 6 Jahre alt und ihre Schwester Lourdes, 14 Jahre; dann Rose Mary, 14 Jahre alt mit ihrer kleinen Schwester Nataly, 7 Jahre, beide Bonbon- und Zigarettenverkäuferinnen (siehe etwas weiter unten).

 

Die Familie Anahua ist sehr anhänglich; die Mutter tut alles, was sie kann, um ihre Kinder aus der Armut zu holen, denn der Vater tut nichts weiter. Sie ist sich der Gefahren auf der Straße sehr bewusst. Von ihr erfahren wir, dass Cristina und Belèn sich letzte Woche dazu haben verleiten lassen, Klebstoff zu inhalieren. Voller Wut hat die Mutter sie gründlich ausgeschimpft. Aber vor allem ist sie sich dessen bewusst geworden, dass ihre Töchter, trotz ihrer Erziehungsversuche, auf der Straße in Gefahr sind. Sie hat es satt und möchte eine andere Einnahmequelle finden, um zu verhindern, dass ihre Kinder weiterhin auf der Straße verkaufen müssen. Sie verkörpert die typische Mutter, die sich der Gefahr bewusst geworden ist und der wir helfen könnten, indem wir ihr einen Mikro-Kredit gewähren, damit sie eine andere Geschäftsidee verfolgen kann, z.B. einen Essensstand zu eröffnen, unter der Bedingung, dass die Kinder nicht weiterhin auf der Straße arbeiten müssen. Sie ist so gut wie bereit für dieses Projekt, wir müssen ihr nur noch eine kleine betriebswirtschaftliche und kaufmännische Ausbildung zukommen lassen, dann müsste sie uns ihr Projekt vorstellen und könnte dann von diesem Mikro-Kredit profitieren.

 

Oft genug jedoch sind die Eltern nicht im geringsten bereit zu solch einem Projekt, sie würden mit dem Geld abhauen, ohne irgendetwas zu tun oder sie sind nicht bereit eine solche Arbeit anzufangen, unter der Bedingung, dass ihre Kinder dann nicht mehr auf der Straße arbeiten müssen, denn sie ziehen es vor, dass die Kinder arbeiten, denn sie verdienen meist mehr und mit weniger Aufwand!!

Nochmals Wara, 11 Jahre alt, Rose-Mary, 14 Jahre mit ihrer kleinen Schwester Nataly, 7 Jahre, rechts sieht man ihren Karton mit Zigaretten und Bonbons.

 

 

Wara (das bedeutet „Stern“ auf Aymara) hat kein Glück. Ihre Mutter ist leider eine Xanthippe, die trinkt und jugendliche Taschendiebe bei sich beherbergt, die ihr Miete zahlen, so dass sie immer genug Geld hat, um sich zu betrinken. Die kleine Wara lebt in diesem Ambiente und das beunruhigt uns sehr. Ihre große Schwester Jocelyne ist bereits in die Falle der Prostitution getappt, eine weitere Geißel für die Mädchen auf der Straße. Wir verfolgen Wara ganz genau, damit sie nicht Opfer all dieser Laster wird. Aber wie sollen wir das anstellen?... Die einzige Lösung wäre in der Tat, sie in ein Kinderheim zu geben, bevor sie von den kriminellen Halbwüchsigen, die ihre Mutter bei sich daheim aufnimmt, vergewaltigt wird. 

 

 

Rose-Mary und Nataly trennen sich niemals. Die kleine Nataly verkauft Waren auf der Straße seit sie 5 Jahre alt ist! Eines Tages fragte ich sie, bis um wieviel Uhr sie nachts auf der Straße herumläuft, um zu verkaufen. « Bis 4 Uhr morgens » war die Antwort. 4 Uhr morgens??... Ich dachte, sie macht sich über mich lustig. Ich bohre nochmal nach. Aber sie macht keine Witze! Ich bin wirklich gleichzeitig geschockt und wütend. Die Eltern, wo sind sie denn während dieser Zeit? Sie missbrauchen ganz klar ihre beiden kleinen Töchter zum Arbeiten. Die Mutter schlägt sie und trinkt regelmäßig. Hier wäre ebenfalls das Kinderheim die einzige wirkliche Lösung, aber ohne die beiden Schwestern zu trennen, was leider nicht unbedingt gewährleistet ist.

 

Schließlich hier noch ein letztes Foto, um Euch zu zeigen, dass es auf dieser Route nicht nur Mädchen gibt:

 

Pedro, 11 Jahre alt, « Linaza »-Verkäufer ; Cristian, 8 Jahre und Freddy, 12 Jahre, sein großer Bruder, beide Verkäufer von Gebäckstücken, die ihre Mutter von Hand gemacht hat.

 

 

Dieser Rundgang ist schwer auszuhalten und gleichzeitig sind dies aber die anhänglichsten Kinder, die ich je getroffen habe. Sie dürsten förmlich nach Liebe, sie klammern sich mit Gewalt an uns, da wird wirklich ein tiefes Leid sichtbar. Wenn der Verein diese Kinder einfach ihrem Schicksal überließe, das wäre ein echtes Verbrechen. Ich habe übrigens große Angst, sie zu enttäuschen, wenn ich ihnen werde sagen müssen, dass ich zurück nach Europa gehe, ins Land der « Reichen »... Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen”.

 

Vielen Dank für Eure Unterstützung und Euer Gebet. Möge es Euch gutgehen in der Freude und dem Frieden Gottes.

 

Xavier

 

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Rundbrief Nr. 6: Edwin und Daniel

 

El Alto, 5. November 2010

 

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über sie, alle, die ihr sie liebhabt; freuet euch mit ihr, alle, die ihr hier über sie traurig gewesen seid!

Denn dafür sollt ihr saugen und satt werden von den Brüsten ihres Trostes; ihr sollt dafür saugen und euch ergötzen an der Fülle ihrer Herrlichkeit.

Denn also spricht der HERR: Siehe, ich breite aus den Frieden bei ihr wie einen Strom und die Herrlichkeit der Heiden wie einen ergossenen Bach; da werdet ihr saugen. Ihr sollt auf dem Arme getragen werden, und auf den Knieen wird man euch freundlich halten.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem ergötzt werden.

Ihr werdet's sehen, und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Jesaja, 66, 10-14

 

 

Liebe Freunde,

 

ich habe Euch bis jetzt noch nichts über meine beiden Mitbewohner, Edwin und Daniel, erzählt, zwei Jugendliche, die der Verein nicht auf der Straße lassen wollte, da er mit den beiden an ihrer Rehabilitation arbeitet. Ich kenne sie inzwischen gut, wir teilen den Alltag, frühstücken zusammen und essen zusammen abend, zu den Zeiten, an denen sich niemand anderes mehr im Büro aufhält. Sie haben beide den typischen Lebensweg eines Straßenkindes hinter sich.

 

 

Edwin ist 19 Jahre alt und lebt seit Anfang 2010 in dem Haus, das der Verein nun gemietet hat. Vorher hatte er ein kleines Zimmer und putzte auf der Straße Schuhe. Dank dieses Jahres, in dem er nun im Haus des Vereins wohnen und regelmäßig die Schule besuchen konnte, wird er am Ende dieses Schuljahres sein Abitur ablegen. Gleichzeitig hat er auch eine Informatik-Ausbildung begonnen, die zwei Monate dauert und vom Verein für ihn bezahlt wird. Er ist sehr intelligent, aber er hat ein Vertrauens-Problem, sowohl in sich selbst als auch in andere. Man muss ihn immer ein bißchen drängen und auch fördern, denn von sich aus traut er sich nichts zu. Aber Schritt für Schritt verändert er sich und beginnt, seine Vorhaben ganz alleine in die Tat umzusetzen.

 

 Edwin

 

Edwin wurde von seinem Vater verlassen, als er acht Jahre alt war: Sein Vater hat einfach Edwins Mutter mit allen Kindern vor die Tür gesetzt, um sich eine andere Frau zu suchen. Edwin trägt seit dieser Zeit ein Trauma und eine große Wut auf seinen Vater mit sich herum. Ganz langsam beginnt er, dieses Gefühl in Worte zu fassen und, durch die Hilfe unserer Psychologin, fühlt er sich schon bald bereit, seinen Vater zu treffen, um sich mit ihm zu konfrontieren. 

 

Mit 11 Jahren, als er mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern und Schwestern unter miserablen Bedingungen lebte, ist er von zu Hause weggegangen. Er wollte seine Mutter entlasten, die hart dafür arbeitete, ganz allein ihre Kinder aufziehen zu können (seine Mutter kann kaum lesen und schreiben: sie half bei der Reis- und Quinoa-Ernte, wusch Wäsche für andere Leute, etc). Es gibt auch noch einen anderen Grund, warum Edwin von zu Hause weggegangen ist, um auf der Straße zu leben. Aber diesen Grund darf ich nicht verraten, da Edwin ihn mir nicht persönlich anvertraut hat, ich weiß dies nur von Yvonne und ich weiß, dass Edwin noch immer stark darunter leidet, was ihm als kleines Kind widerfahren ist.

Edwin fing dann an, auf der Straße zu leben. Bald stahl er, trank und inhalierte Klebstoff mit seinen Kameraden. Zu diesem Zeitpunkt lernten Freddy und Yvonne ihn kennen und begannen, zu versuchen, ihn positiv zu beeinflussen. Edwin hat einen sehr einfachen Charakter und einen sehr zarten Körperbau. Er konnte sich nicht auf seine körperliche Kraft verlassen, um sich mit den Ellenbogen durchzusetzen, wie die anderen und tat sich somit leichter damit, sich Freddy und Yvonne zu nähern. Er probierte mehrere Kinderheime aus, aber nach einiger Zeit haute er immer wieder ab. Schließlich blieb er ziemlich lange im Kinderheim « Movida Bolivia » von Pater Lutz, konnte, dank seines regen Geistes, mehr schlecht als recht dem Unterricht in der Schule folgen, haute dann aber letztendlich auch aus diesem Kinderheim ab, als Pater Lutz nach Deutschland zurückging. Wieder auf der Straße, putzte er Schuhe und mietete ein kleines Zimmer, fiel aber wieder in die alten, schlechten Gewohnheiten zurück (trank, hatte schlechten Umgang...). Anfang 2010, schlug ihm Freddy, der die ganze Zeit über ein Auge auf Edwin gehabt hatte, vor, in das Haus einzuziehen, dass er soeben für den Verein gemietet hatte.

 

Wir hoffen, dass Edwin bald seine Flügel ausbreiten wird. Wenn er erstmal sein Abitur und diese Informatik-Ausbildung in der Tasche hat, könnte er in einem Internet-Café arbeiten, um sich sein Studium zu finanzieren und Systemtechnik zu studieren, so, wie er es gerne möchte. Er braucht nach wie vor finanzielle und vor allem psychologische Unterstützung, denn er hat eine Tendenz dazu, leicht den Halt zu verlieren. Er trägt eine Last im Herzen, mit der er sich früher oder später konfrontieren und ihr Ausdruck verleihen muss, ohne dies wird er sich im Leben niemals wirklich entfalten können. Und er hat auch eine Aufgabe zu erfüllen: seine Mutter ist schon sehr schwach und erschöpft und hat keinerlei Unterstützung, so dass Edwin sich in Zukunft um sie wird kümmern müssen.

 

 

Daniel ist 15 Jahre alt und lebt seit Anfang des Jahres 2010 im Haus des Vereins. Er geht jeden Tag von 14 Uhr bis 18 Uhr in die Schule (er ist in der  7. Klasse), er ist körperlich und geistig rege, voller Ressourcen, trotz seines schulischen Rückstands. Er verschließt sich aber sofort, wenn jemand über seine Familie spricht und sagt dann überhaupt nichts mehr.

 

Daniel ist der älteste Sohn einer sehr armen Familie mit acht Kindern. Mit 12 Jahren hat er sein Zuhause verlassen, um auf der Straße zu leben, da er es daheim nicht mehr ausgehalten hat. Im Hause seiner Eltern schlief er sogar auf dem Fußboden, musste sich um seine Brüder und Schwestern kümmern, kochen, etc. Auf der Straße lernte Daniel rasch, Klebstoff zu inhalieren und zu klauen, um zu überleben. Er sagt übrigens, dass er, wenn es ums Klauen ging, der Beste war! Nach etwa 6 Monaten fand ihn eine Erzieherin des Vereins. Obwohl diese Erzieherin nicht mehr mit uns arbeitet, erinnert sich Daniel mit Zuneigung an sie. Eines Tages wurde Daniel von einer „Zauberin“, die ihm Drogen verkaufte, ein Messer in den Oberschenkel gerammt. Es ging ihm schlecht und er wurde vom Verein aufgefangen, der ihm, während der Zeit, in der er gepflegt werden musste, ein kleines Zimmer bezahlte. Unmöglich, die Zauberin anzuzeigen. Die Polizei lässt diese Art von Leuten frei, da sie die Polizisten bestechen. Es ist weithin bekannt, dass es für die Armen in Bolivien keine Gerechtigkeit gibt. Da die Gehälter der Polizisten sehr niedrig sind (1.500 Bolivianos, 155 €), sind sie fast alle korrupt, sogar die Chefs. Sie bessern ihre Gehälter auf, indem sie von denen Geld verlangen, die sie normalerweise ins Gefängnis werfen müssten. Wenn sie zahlen, lassen sie sie frei. Was ist die Folge davon? Diese Kriminellen rächen sich an den Leuten, die sie verklagt haben, das heißt, in diesem Fall, an uns... Der Verein kann dieses Risiko nicht auf sich nehmen, da seine Mitarbeiter jeden Abend auf der Straße arbeiten. Jedermann könnte dann einfach unsere Erzieher angreifen. Man kann ohne Zweifel sagen, dass die Ursache von soviel Kriminalität und der Verbreitung von Drogen in El Alto die Polizei selbst ist. Und was passiert dann? Die Leute tun sich unter Nachbarn zusammen und üben Selbstjustiz – und sie können dabei sehr grausam sein (in El Alto sind Menschen, die stehlen, um zu überleben, bereits von einer wütenden Menschenmenge bei lebendigem Leibe verbrannt worden!).

 

Kurz gesagt: Daniel war in Gefahr und erholte sich nur langsam von seiner Wunde. Freddy und Yvonne beschlossen somit, etwas Unkonventionelles zu tun: Sie nahmen Daniel bei sich auf, in ihrem Haus, mit ihren eigenen fünf Kindern. Aber das Privathaus eines Erziehers kann nicht in eine Rehabilitationsanstalt umfunktioniert werden. Dies bringt die Familie und ihre eigenen Kinder in Gefahr und Freddy und Yvonne haben dann auch keine Privatsphäre mehr, in der sie sich ausruhen und neue Energie tanken können. Nichtsdestotrotz behielten sie Daniel 5 bis 6 Monate bei sich im Haus, wollten ihn einfach nicht fallen lassen. Im Endeffekt zog Daniel dann Anfang 2010 in das neue Haus des Vereins.

 

Ich bin an einem Sonntag mit Daniel seine Familie besuchen gegangen. Wir haben ihnen Obst, ein paar Kleidungsstücke und Schokolade mitgebracht. Wir haben einen Mini-Bus genommen, der uns bis ans hinterste Ende der höchstgelegenen Viertel von El Alto gebracht hat, dort, wo der Berg sich seine Rechte zurückerobert, wo der Wind bläst und die beigen, steinigen Hügel herabweht, die mit Grasbüscheln bedeckt sind. Nicht asphaltierte Straßen voller Schlaglöcher, ödes Land und Hütten, umgeben von Mauern gebaut aus Backsteinen aus Erde gemischt mit Stroh.

Wir betreten das Grundstück, das Daniels Familie vom Besitzer gemietet hat. Ein Rechteck von 10 mal 15 Metern, nicht eingerichtet und überall liegen Abfall und getrocknete Grasbüschel herum. Links befindet sich eine Hütte von 14 Quadratmetern, mit einer Tür und einem einzigen Fenster, dessen Glas zerbrochen ist, die Kälte dringt somit ohne Schutz nach drinnen. Im Inneren befinden sich der Vater, die Mutter und 7 Kinder, die Brüder und Schwestern von Daniel, von 10 Jahren bis zu einem Baby von nur einem Monat, sehr schmächtig. Zwei Stockbetten, eine Matratze auf dem feuchten Boden, ein Herd mit einer Gasflasche, ein Behälter für die Kleidungsstücke, zwei kleine Tische und eine Kommode, auf der sich ein funktionierender Fernseher befindet. Der Wasseranschluss ist draußen, das Wasser kommt durch ein Plastikrohr aus der Erde. Alles ist unglaublich dreckig, die Hütte ist überall voller Abfall. Die Kinder sind schmutzig, ihre Kleider ebenfalls, sie sind sich selbst überlassen.

 

 

Das ist nicht nur Armut. Es gibt unterschiedliche Arten von Armut. Physische Armut, moralische Armut, intellektuelle und schließlich die Armut des Herzens. Man kann arm sein, aber dennoch seine Würde fühlen. Man kann sein Inneres sauber halten, seine Kinder waschen und kleiden, sie erziehen mit dem, was man selbst gelernt hat. Daniels Eltern vereinen in sich sämtliche möglichen Arten von Armut. Der Vater ist nicht mal Alkoholiker. Er ist Maurer von Beruf und hat teilweise 600 Bolivianos pro Woche verdient (60 €), wenn er gearbeitet hat. Also, wo liegt das Problem?... Er ist tief verschuldet und er ist spielsüchtig. Er hatte ein leeres Terrain gekauft und wollte dort sein eigenes Haus bauen, jedoch schafft er es nicht, regelmäßig die Abschlagszahlungen an die Bank zu leisten. Das ganze Haushaltsgeld geht dafür drauf. Wie kann eine Bank einer solchen Familie einen Kredit bewilligen, ohne den Fall vorab genauer zu prüfen?... Die Mutter hat acht Kinder geboren, das jüngste von ihnen ist erst einen Monat alt. Sie befindet sich in einem fortgeschrittenen Zustand moralischer und körperlicher Erschöpfung, ist völlig indifferent. Sie vernächlässigt ihre Kinder und ihren Haushalt. Sie geht den ganzen Tag, mit ihrem Baby auf dem Rücken, weg, um, ich weiß nicht was, zu tun. Vermutlich versucht sie, etwas zu verkaufen oder zu betteln. Der Vater ist tagsüber auch nicht da. Die anderen Kinder sind sich selbst überlassen, gehen nicht in die Schule, sondern schauen den ganzen Tag fern.

 

Wir sind dann wieder gegangen. Ich habe die Eltern gebeten, zu uns ins Büro zu kommen, um die Situation genauer zu analysieren und zu entscheiden, was für erste Hilfsmaßnahmen wir durchführen könnten (es ist nicht das erste Mal, dass wir versuchen, dieser Familie zu helfen!). Bis jetzt sind sie nie gekommen. Eines Tages gingen Yvonne und Amanda nochmals dorthin, um mit der Familie zu sprechen. Die Eltern waren nicht da und die Situation war sogar noch schlimmer. Zwei Tage später haben wir beschlossen, dass das ganze Team einen Tag dorthin gehen würde, um die Kinder zu waschen, zu frisieren, ihnen saubere Kleider anzuziehen, die ganze Hütte komplett zu säubern und ein richtiges, warmes Essen zu kochen. Anfang Oktober sind wir also alle, mit Daniel, dorthin gegangen. Nur Franz konnte nicht dabei sein:

 

 

  

Die Brüder und Schwestern von Daniel: Verónica, 1,5 Jahre, Mary Luz, 5 Jahre, Esmeralda, 7 Jahre, Luis, 8 Jahre, Fernando, 9 Jahre, Juan José, 10 Jahre und schließlich, ganz rechts, Daniel, 15 Jahre. Rechtes Foto: Verónica.

        

 

 

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Rundbrief Nr. 5: Der Alltag in El Alto

El Alto, 23. Oktober 2010

 Du lässt die Menschen zurückkehren zum Staub

und sprichst: « Kommt wieder, ihr Menschen! »

Denn 1.000 Jahre sind für Dich wie der Tag, der gestern vergangen ist,

wie eine Wache in der Nacht.

 Von Jahr zu Jahr säst Du die Menschen aus;

sie gleichen dem sprossenden Gras.

Am Morgen grünt es und blüht,

am Abend wird es geschnitten und welkt.

 Unsere Tage zu zählen, lehre uns!

Dann gewinnen wir ein weises Herz.

Herr, wende Dich uns doch endlich zu!

Hab’ Mitleid mit Deinen Knechten!

Sättige uns am Morgen mit Deiner Huld!

Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsere Tage.

Es komme über uns die Güte des Herrn, unseres Gottes.

Lass’ das Werk unserer Hände gedeihen!

Psalm 89, 3-6, 12-14, 17

  

Liebe Freunde,

endlich ist der Regen gekommen! Dieser trockene Frühlingsanfang hatte die Erde ausgetrocknet und hart werden lassen wie Holz. Für die Tiere gab es nichts mehr zu fressen; nun werden die Bauern wieder Gemüse und Fleisch produzieren können und die Preise werden wieder niedriger werden: das bolivianische Nationalgericht, Hähnchen, hatte inzwischen beinahe das Doppelte gekostet wie zuvor! Das läuft hier nicht wie bei uns in Europa, wo den Bauern, wenn sich ihre Güter verknappen,  verschiedene Strategien zur Verfügung stehen. Hier hat jede Klimaveränderung unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Menschen.

Mir hat der Regen auch übel mitgespielt: da die Temperatur recht frisch ist, habe ich mir eine Grippe eingefangen, die mich drei Tage ans Bett gefesselt hat. Mein Immunsystem hatte sich noch nicht an die ortsansässigen Mikroben gewöhnt!

Seit ich in  El Alto angekommen bin, habe ich Euch eigentlich bis jetzt noch nie von unserem Alltagsleben erzählt. Für diejenigen, die Bolivien, das ärmste Land Lateinamerikas, nicht kennen, ist es schwer, sich vorzustellen, wie unser Alltag aussieht.

Ich lebe momentan in einem bereits etwas älteren Haus, in einem ziemlich abgelegenen Teil von El Alto, der sich Rio Seco nennt und in Richtung  Titicaca-See (also im Westen) liegt. Wir mieten dieses Haus zu einem günstigen Preis (800 Bolivianos, 84 € pro Monat), da es einem Familienmitglied von Freddy gehört. Wäre dies nicht der Fall, müssten wir mindestens das Doppelte bezahlen. Der Nachteil ist: es liegt 20 Autominuten vom  Zentrum El Altos, wo wir arbeiten, entfernt. Freddy & Co haben lange nach einem Haus gesucht, das mehr im Zentrum von El Alto liegt, aber entweder waren die Preise exorbitant hoch, oder die Eigentümer bekamen es mit der Angst zu tun, wenn man ihnen von den Straßenkindern erzählte (« Das sind doch alles Diebe und Drogenabhängige!...»). Das Haus verfügt über einen Innenhof und einen großen Saal im Erdgeschoss, der genügend Platz bietet, um an die hundert Kinder zu unserem gemeinsamen, samstäglichen Essen einzuladen. Im ersten Stock gibt es ein großes Wohnzimmer, das Freddy & Co durch eine provisorische Wand zweigeteilt haben, so dass es nun jeweils ein Zimmer für Edwin und Daniel gibt, meine beiden Mitbewohner, und ein Wohnzimmer. Genauso wurde auch die große Küche zweigeteilt und im zweiten Teil davon wohne ich. In der Küche befindet sich ein Gasherd, aber leider kein Ofen (wo ich doch so gerne Pizza und Flammenkuchen backe!) und sie verfügt auch nur über kaltes Wasser (wir müssen also auch zum Abspülen immer erst Wasser warm machen). Es gibt auch keinen Kühlschrank, wir kaufen also jeweils nur das ein, was wir für den jeweiligen Tag brauchen (zum Glück haben wir einige kleine Lebensmittelläden ganz in der Nähe und solche Dinge wie Zucker, Reis und Kartoffeln kaufen wir gleich zentnerweise (à 46 kg), so dass wir diese Grundnahrungsmittel immer zur Hand haben).

             

Der Innenhof. Oben sieht man links das Bad, danach das Wohnzimmer und das Büro.

 Das Badezimmer besteht aus einem Waschbecken mit kaltem Wasser, einem WC und einer Dusche, die mit einem elektrischen Widerstand ausgerüstet ist, der das Wasser erhitzt (wenn man wirklich heißes Wasser möchte, dreht man die Wassermenge auf das Minimum herunter!). Es gibt keine Heizung: um sich zu duschen, wartet man, bis die Sonne das Badezimmer erhitzt hat (gibt es keine Sonne... wartet man einfach bis zum nächsten Tag, um sich zu waschen!). Glücklicherweise ist das Badezimmer mit vielen Fenstern ausgestattet, durch die die Sonne hereinscheinen kann, so dass es sich schnell erwärmt. Die Fenster bestehen aus einem Eisengestell mit einfacher Verglasung. Das Haus verfügt über keinerlei Isolierung: nachts wird es darin sehr kalt und tagsüber erhitzt die Höhensonne das Innere des Hauses so sehr, dass wir alle Fenster öffnen müssen. Inzwischen habe ich auch gelernt, meine Wäsche von Hand und mit kaltem Wasser zu waschen. Man muss es nur regelmäßig machen, bevor die Wäsche zu dreckig wird... das ist von essentieller Wichtigkeit!

Der Komfort ist also minimal, aber ich bin der Einzige, der hier darunter leidet, alle anderen sind daran gewöhnt! Und dabei habe ich den tiefsten Winter (im Juli/August) gar nicht miterlebt.

 

Es gibt noch ein weiteres großes Zimmer, das wir bis jetzt noch gar nicht benutzen und ein anderes, das wir ebenfalls zweigeteilt haben und das dem Verein als Büros dient. Obwohl sich unsere Hauptarbeit auf der Straße abspielt, ist es wichtig, auch über Büros zu verfügen, um Menschen auch in vertrauterer Atmosphäre empfangen zu können, um jeden Montag unsere wöchentlichen Teamsitzungen abzuhalten oder auch für die Kurse in Sexualerziehung, die wir organisieren. Außerdem gibt es hier auch jeden Samstag unser gemeinsames Essen mit den Straßenkindern und ihren Familien. Bevor wir dieses Haus hatten, nutzten wir hierfür einen unüberdachten Hof, den uns der Bürgermeister zur Verfügung gestellt hatte, der jedoch keinerlei Schutz bot, wenn es regnete oder kalt war. Der einzige Vorteil war, dass sich dieser Hof im Zentrum befand und die Kinder somit kein Geld für den Mini-Bus ausgeben mussten, um zu uns zu kommen (2 Bolivianos für die Hin- und Rückfahrt). Aus diesem Grund kommen jetzt weniger Kinder als vorher, aber letztendlich ist es vielleicht auch ganz gut, dass nicht alles umsonst ist und sie nun für ihren Transport aufkommen müssen. Außerdem bieten wir den Kindern bei den Treffen in unserem Haus nun auch solche Dinge an wie Gesellschaftsspiele, Schach, didaktische Spiele, bei denen man Schreiben oder Zählen lernt, sowie ein Tischfußballspiel, das sehr beliebt ist!

Wir versuchen, sie über unsere Gastfreundlichkeit anzusprechen, um dann Schritt für Schritt verschiedene Gruppen anzubieten, z.B. für Nachhilfe für die Kinder, für die Eltern Treffen zu unterschiedlichen sozialen Themen (häusliche Gewalt, Verhütung, etc.) oder auch, um manchmal ein Kind beiseite zu nehmen, das Verhaltensauffälligkeiten zeigt, um mit ihm daran zu arbeiten. Kinder, die Drogen nehmen, haben natürlich keinen Zutritt. Somit müssen die Kinder, die zu uns kommen wollen, um zu spielen, spätestens am Abend zuvor, aufhören, Drogen zu sich zu nehmen und das ist ein großer Anreiz!

 

  g

 

           

 

Die Tatsache, dass wir nun über ein Haus verfügen, erlaubt es uns auch, das Mittagessen mit allen Erziehern zu teilen, die gerade auf Tour sind und das ist sehr wichtig für den Zusammenhalt des Teams: die Arbeit ist mitunter hart, Freddy, Yvonne oder Rolando müssen sich teilweise um den ein oder anderen Erzieher kümmern. Die Tatsache, dass wir gemeinsam kochen und essen entspannt die Atmosphäre und ermöglicht einen unentbehrlichen Moment der Gemeinsamkeit. Andererseits stellt die Tatsache, dass der Verein seinen Erziehern somit eine Mahlzeit bezahlt, eine Kompensation für das eher geringe Gehalt dar. Man darf nicht vergessen, dass die sozialistische Regierung unter Evo Morales gerade dabei ist, die Arbeitsgesetze komplett umzuschreiben – und zwar zu Gunsten der Arbeitnehmer: der Arbeitgeber ist nun verpflichtet, für die Nahrung der Babys eines Arbeitnehmers aufzukommen, er muss, wenn der Arbeitnehmer einen durchgehenden Arbeitstag hat, eine Mahlzeit zur Verfügung stellen, er muss Weihnachtsgeld zahlen, etc. Das ist natürlich ein sozialer Fortschritt in einem Land das diesen bitter nötig hat, aber unser Verein verfügt nicht über ausreichende Geldmittel, um diesen Auflagen nachzukommen. Wir müssen also für eine gute Arbeitsatmosphäre sorgen, denn, wenn ein Erzieher geht und die Entscheidung trifft, unseren Verein wegen der ihm nicht zugestandenen Rechte anzufeinden, stünden wir in seiner Schuld und vor ernsthaften Problemen. Seit ich hier in Bolivien bin, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass unser Verein finanziell seinen Verpflichtungen nicht wird nachkommen und überleben können, wenn wir weiterhin nur Spenden einsammeln. Wir müssten uns selbst finanzieren: wir sind dazu verurteilt, uns entweder zu vergrößern oder zugrunde zu gehen. Gerne werde ich diesen Standpunkt in einem meiner weiteren Rundbriefe genauer ausführen.

Und schließlich sehe ich einen weiteren großen Vorteil in diesem Haus: es kann Herberge sein für ehrenamtliche Helfer wie mich, der ich aus Deutschland hierher gekommen bin! Es wäre gut, wenn von Zeit zu Zeit ein deutscher Helfer für einige Monate nach Bolivien käme, um Zeuge der geleisteten Arbeit zu werden und hier eine Art Zivildienst abzuleisten, der in jeder Hinsicht sehr lehr- und aufschlussreich ist (ich bin mir sicher, dass nicht wenige junge Leute gerne eine solche Erfahrung wagen würden).

Wie bewegen wir uns fort?... In alten Mini-Bussen von Toyota mit 15 Sitzplätzen, deren Komfort man als sehr spartanisch bezeichnen muss und deren Stoßdämpfer eigentlich so gut wie überhaupt keine Stöße mehr dämpfen, so alt sind sie schon. Zu Beginn meines Aufenthaltes hier, hatte ich permanente Nackenschmerzen, die so stark waren, dass ich nachts nicht schlafen konnte. Schließlich habe ich begriffen, dass der Grund hierfür diese alten Transportmittel waren, auf die man hier angewiesen ist! Die Sitzplätze sind winzig klein und mir, der hier einiges größer ist als der Durchschnitt der Leute, bleibt nichts anderes übrig, als mich komplett „zusammenzufalten“ und meine langen Beine halt irgendwie unterzubringen, so gut ich kann... Der katastrophale Zustand der Straßen tut das Seine dazu und gibt einem den Rest! (Stellt Euch einen alten VW-Bus vor. Teilt ihn durch 15 und schon habt Ihr den Platz, der hier für eine Person zur Verfügung steht!).

Um ins Zentrum von El Alto zu gelangen, zahlt man 1 Boliviano für eine Fahrt von 20 Minuten. Wenn man nach La Paz fährt, muss man von dort einen weiteren Mini-Bus nehmen und nochmals eine halbe Stunde fahren, was im Durchschnitt weitere 2 Bolivianos kostet (der Preis hängt auch von der Tageszeit ab; abends kostet die Fahrt mehr als tagsüber). Und dann betet man, dass der Bus nicht zu lange im Stau steht... Die Touristen nehmen sich natürlich ein Taxi für 30 Bolivivanos (3 €), aber für uns ist das unbezahlbar.

Die bolivianische Küche ist sehr vielseitig und ganz anders als bei uns. Es gibt viel Hähnchen-, Rind- und Schweinefleisch, mit Reis, Kartoffeln oder Nudeln als Beilage und mit dem Gemüse, das hier wächst: riesige Maiskörner, Kochbananen, Karotten, Kohl, Salat, sehr große Linsen, die sich sehr von unseren unterscheiden, Erdnuss-Creme, sehr salziger Frischkäse, den man in Öl frittiert und die unvermeidliche «Llajua », eine sehr pikante Soße aus Tomaten und Paprika, die man « Locoto » nennt und die man traditionell mit einem Stein zerkleinert und mit « Quiquiña  » würzt – einem Kraut, dessen Geruch bei uns nicht bekannt ist. Es gibt tausendundeine Sorte Kartoffeln! Außerdem kennen die Bolivianer zwei verschiedene Arten, diese zu konservieren : indem man sie im tiefsten Winter eine Woche lang draußen verdörren lässte; danach knetet man sie mit den Füßen durch und danach lässt man sie eine Woche im Wasser eines Flusses. Danach lässt man sie in der Sonne trocknen und erhält so die sogenannte « Chuño », die Kartoffel wird so zu einer kleinen, schwarzen Kugel. Die andere Art, Kartoffeln zu konservieren, ist ähnlich, bis auf die Tatsache, dass man hierbei die Kartoffel vor den Sonnenstrahlen schützt. Sie wird somit nicht schwarz, sondern weiß, nennt sich « Tunta », ist weniger bitter als die « Chuño » und hält sich mehrere Jahre!

Wir stellen unsere eigenen Getränke her: wir kochen Malz in einer großen Menge Wasser, zuckern das Getränk dann und lassen es abkühlen. Das ist besser als Fanta! Oder mit Äpfeln: man schält sie, schneidet sie in Stücke und kocht dann alles (auch die Schale) in einer großen Menge Wasser. Dann zuckert man das Ganze und lässt es abkühlen. Versucht es mal, (mit Bio-Äpfeln), das ist eine Abwechslung gegenüber dem normalen Apfelsaft! Und dann gibt es natürlich noch den heilsamen Coca-Tee, Heilmittel für alle Leiden; es ist ein Skandal, dass wir in Europa, aufgrund eines Verbotes, nicht davon profitieren können, da die Firma Coca-Cola mit allen Mitteln ihr vom Himmel gefallenes Monopol verteidigt, wenn es um die Nutzung und Weiterverarbeitung von Coca geht. Man sollte wirklich eine Petition einreichen!

In Bolivien ist Durchfall unvermeidlich: der europäische Magen ist zu sensibel. 15 Tage ununterbrochenen Durchfalls und nichts außer geschältem Reis, das war die Zeit, die meine Gedärme brauchten, um sich an die Veränderung zu gewöhnen!

Das Klima hier in den Bergen hat mir auch übel mitgespielt, während der Zeit, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Zuerst einmal hat mir natürlich die Höhe von 4.000 Metern eine starke Migräne beschert und die kleinste Anstrengung hat mir den Atem geraubt. Daraufhin hat mir die extrem starke Sonne während des Tages die Haut verbrannt, selbst mit Hut, langärmeligem Hemd und Sonnencreme mit höchstem Lichtschutzfaktor. Und dann hat das extrem trockene Klima während des Monats September dazu geführt, dass sich mir die Haut am ganzen Körper abgeschält hat, so dass ich mir eine extra-dicke Fettcreme kaufen und mich von Kopf bis Fuß damit einschmieren musste!

Aber die Schönheit der Berge kompensiert einen für all diese Unannehmlichkeiten. La Paz ist zu drei Vierteln von beeindruckenden Bergen umgeben: im Norden erhebt sich der Huayna  Potosi, 6.088 m und im Süden der Illimani, 6.439 m, ganz in weiß und eine Herausforderung für die Alpinisten darstellend, da es keinen einzigen einfachen Weg dort hinauf gibt... Die Klarheit eines vom Regen reingewaschenen Tages ist unvergleichlich. Der Mond zeigt seine Sichel in liegender Position, ich vermute, weil wir uns in der Nähe des Äquators befinden; und die Sonne zieht im Tagesverlauf gen Norden und nicht gen Süden... Das ist wirklich verwirrend!

La Paz von El Alto aus gesehen, im Hintergrund der Illimani.

Was ich an Bolivien nicht ausstehen kann?... Den Sonntagmorgen!! Um Punkt 7 Uhr glaubt sich die katholische Kirche unseres Stadtviertels in der Pflicht, uns für den Tag des Herrn mit ihren religiösen Gesängen, in den höchsten Tönen aus Lautsprechern dröhnend, aufwecken zu müssen. Es ist also vollkommen unmöglich, sich mal auszuschlafen! Das dauert eine Stunde oder auch zwei und die Nachbarn drehen ihre Musik ebenfalls voll auf, um den Lärm zu übertönen. Meine beiden jungen Mitbewohner, ebenfalls zu früh aufgeweckt, schalten den Fernseher ein und meine Ruhe ist nun definitiv komplett ruiniert... Um 10 Uhr beginnt das gleich Spiel nochmal von vorne, wieder für eine ganze Stunde (inzwischen kann ich die Gesänge wirklich auswendig) und um 11 Uhr fängt die evangelische Kirche an: die Beschallung während ihres Gottesdienstes ist so laut, dass das ganze Stadtviertel davon „profitiert“... Um 12 Uhr mittags, endlich, kehrt wieder Ruhe ein. Und ich kann ja noch von Glück sagen, dass es hier im Viertel weder Moschee noch Synagoge gibt!

Um mit etwas Positivem abzuschließen, muss ich sagen, dass es gut ist, auch mal ein bißchen seinen Lebensstil zu verändern, das erfrischt und lässt einen neue Dinge ausprobieren und schätzen lernen. Mir, der ich vorher niemals aus meinem Europa herausgekommen war, tut das wirklich sehr gut!

Vielen Dank für Eure Unterstützung und Euer Gebet. Möge es Euch gutgehen in der Freude und dem Frieden Gottes.

Xavier

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Rundbrief Nr.4

 

El Alto, 8. Oktober 2010

 

Kampf und Kontemplation: “In düsteren Zeiten war oft eine Handvoll Menschen, die an den verschiedensten Orten der Welt lebten, imstande, geschichtliche Entwicklungen umzukehren, weil sie hofften, wo es nichts mehr zu hoffen gab.”

 

Frère Roger, de Taizé.

 

Liebe Freunde,

in diesem Brief möchte ich Euch das Team der Fundación Obra Padre Lutz genauer vorstellen, das aus acht Erziehern besteht (siehe Foto, obere Reihe, von links nach rechts: Freddy, Yvonne, Xavier, Rolando, David, Amanda; untere Reihe, von links nach rechts: David « el Chulo », Sylvia, Franz).

 

 

Hier muss man zuallererst Freddy erwähnen, unseren Hauptverantwortlichen, sowie Yvonne, seine Frau, die ihm sehr viel hilft. Die beiden bilden, durch ihre Erfahrung in der Straßenarbeit in dieser Gegend, sowie durch Ihre Kenntnis der Staßenkinder und deren Familien, den Stützpfeiler, auf dem unser kleiner Verein ruht. Bereits seit langer Zeit begleiten sie die Straßenkinder und kennen deren soziale und familiäre Probleme. Freddy verfügt über Führungsqualitäten und Organisationstalent, sowie über ein großes Herz für die Kinder. Das Vertrauen, das die Kinder ihm entgegenbringen, verleiht ihm auch die notwendige Autorität, die er in seiner Funktion braucht.

 

Yvonne, die selbst mit Freddy fünf Kinder hat, besitzt das Talent des Zuhörenkönnens und Mitfühlens. Sie macht viele Hausbesuche, weiß, in was für Bruchbuden die Familien zum Teil wohnen, hört sich deren Leiden an und versucht, ihnen zu helfen. Durch diese Hausbesuche erhält sie einen tiefen Einblick in die oft sehr schwierigen Familienverhältnisse, die es ermöglichen, ja sogar unvermeidlich machen, dass die Kinder auf der Straße arbeiten müssen. Die Abwesenheit des Vaters, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Krankheiten der Eltern, die nie geheilt wurden, oder ganz einfach Arbeitslosigkeit und Armut führen dazu, dass die Eltern alleine nicht fähig sind, für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Somit müssen die Kinder mithelfen. Viele dieser Kinder verlassen ihr Elternhaus, das für sie zu konfliktbeladen und unerträglich wurde, um stattdessen auf der Straße zu leben und zu arbeiten. Ohne Unterstützung ist es dann jedoch schwierig, den Absturz in den Teufelskreis der Drogen, des Alkohols und der Gewalt zu verhindern. Um auf der Straße zu überleben, muss man sich auch manchmal prügeln und um seine körperlichen und seelischen Leiden zu vergessen, greift man leicht zu Drogen oder Alkohol. Wer neu ist, auf der Straße, wird unweigerlich von den anderen Straßenkindern « eingearbeitet », denn auf sich allein gestellt überlebt man nicht auf der Straße. Die tägliche Begleitung dieser Kinder ist somit unverzichtbar: Wenn man es einmal geschafft hat, ihr Vertrauen zu gewinnen, hören sie einem auch zu und man kann versuchen, sie davon zu überzeugen, Drogen, Alkohol und Gewalt zu vermeiden, oder sich davon fernzuhalten. Dies ist eine Arbeit, die Tag für Tag und auf langfristiger Basis gemacht werden muss. Sollte diese Arbeit eines Tages aufhören müssen, würde dies bedeuten, dass das, was die Erzieher hier in jahrelanger Arbeit aufgebaut haben, wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen würde.

 

Ein weiteres Teammitglied ist Rolando, verheiratet, fünf Kinder und gelernter Buchhalter. Er ist der Intellektuelle der Gruppe, der die sozialen Probleme und deren Ursachen bis in die Tiefe analysieren und Lösungen für unsere Straßenkinder im Bereich der Bildung und Ausbildung finden kann. Seiner Meinung nach ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die Zahl der Straßenkinder reduzieren zu wollen, ohne zuerst deren Eltern für die große Bedeutung, die Bildung für die Zukunft ihrer Kinder hat, zu sensibilisieren, sowie auch für soziale Themen, z.B. auch die Sexualerziehung (acht Kinder in die Welt zu setzen, wenn man bitterarm ist, grenzt an Wahnsinn, das habe ich mit meinen eigenen Augen sehen können). Wenn sie eines Tages von der Straße wegkommen wollen, müssen diese Kinder die Möglichkeit haben, eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Was uns offensichtlich erscheint, ist es hier leider noch lange nicht... Rolando würde diesen Jugendlichen gerne eine Werkstatt anbieten, in der sie Schreinerei, Elektrotechnik oder Informatik lernen können. Das einzige, was ihm hierzu fehlt, ist das nötige Geld!

Rolando ist ein Bonvivant, der alle bolivianischen Gerichte kennt und der sehr gerne auch die französische Küche kennenlernen würde, wenn ich hier nur endlich auch mal das Kochen anfangen würde! (Ich habe bereits versucht einen « Pot au feu » (französischer Eintopf) zuzubereiten, der mir aber leider nicht so gut gelungen ist, wie das Original!).

 

Dann gibt es noch David « el Chulo », der im Bereich der Seelsorge in der ehemaligen Pfarrei von Pater Lutz in El Alto sehr involviert war. Er wird von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr geliebt und strahlt eine unerschütterliche Ruhe aus. Abends, nach der Arbeit, studiert er Jura an der Universität von El Alto (in einem Abendkurs). Er absolviert im Moment sein viertes Studienjahr.

 

Diese vier « alten Hasen » kümmern sich um die beiden, bereits etwas älteren, Projekte in La Ceja, dem Zentrum von El Alto: Erstens das Projekt « 100 pasos » (hundert Schritte), das aus zwei Touren besteht, bei denen sie fast täglich die Schuhputzer bei ihrer Arbeit auf der Straße aufsuchen. Diese sind oft Jugendliche oder sogar schon junge Erwachsene, die tagsüber Schuhe putzen und nicht mehr die Schule besuchen. Wir bieten ihnen ein Programm an, bei dem sie einen Teil ihres Verdienstes für ein zukünftiges Projekt sparen können, z.B. um sich eine Ausbildung finanzieren zu können (hierfür gibt es selbstverständlich mal wieder keine Hilfen vom Staat). Dieses Programm verhindert auch, dass sie ihr Geld z.B. für Videospiele ausgeben (was leider gar nicht so selten geschieht!) oder, dass ihre, teilweise skrupellosen, Eltern ihnen das hart verdiente Geld klauen. Das zweite Projekt ist das Projekt « Luz en la oscuridad » (Licht in der Dunkelheit). Das ist die Tour, bei der die Erzieher notleidende Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aufsuchen,  die wirklich auf der Straße leben. Als erstes versuchen wir, die Kinder von den Älteren zu separieren und sie davon zu überzeugen, dass sie keine Drogen oder Alkohol mehr zu sich nehmen, sowie für sie einen Platz in einem Kinderheim zu finden. Denn wenn sie erstmal erwachsen werden und mehrere Jahre auf der Straße hinter sich haben, gibt es fast keine Hoffnung mehr, dann ist es wirklich eine fast unmögliche Arbeit, sie wieder auf den „rechten Weg“ zu bringen. Für die Älteren, haben wir immer eine sehr einfache „tragbare Apotheke“ dabei und bieten ihnen an, ihre Wunden zu säubern und zu verarzten. Das wäre eigentlich die Arbeit einer Krankenschwester und ist manchmal schwer zu ertragen, wenn man es nicht gewohnt ist. Messerstiche, Wunden am Kopf (verursacht durch Schläge mit einem Stein), Hautrisse und Schrunden aufgrund von Erfrierungen, etc... Dies bietet natürlich auch die Gelegenheit, mit den Jugendlichen zu diskutieren: « Siehst Du eigentlich, wie tief Du schon gesunken bist? » « Willst Du wirklich noch lange so weiterleiden? » «Auf was wartest Du, bis Du endlich Dein Leben veränderst? ». Am Morgen sind diese Jugendlichen noch nüchtern (und somit ansprechbar), nach einer kalten Nacht im Freien. Nach dem Versorgen der Wunden, gibt es Frühstück für alle. Dies ist eine Art Vertrauensritual, das wir ihnen jeden Tag bieten (außer am Wochenende).

 

Franz und Sylvia sind seit etwas weniger als einem Jahr Mitglieder unseres Teams. Franz ist ein junger, sehr geradliniger Dreißigjähriger, verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Er hat relativ viel Erfahrung im Bereich der Seelsorge in einer Pfarrei und liebt es, den Jugendlichen beizubringen, was gut und was schlecht ist. Manchmal Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, überraschen uns teilweise durch die bei ihnen offensichtliche, komplette Abwesenheit jeglicher Art von Bildung; sie haben nicht die geringste Kenntnis von, auch nur elementarer, Moral: sie prügeln, wenn sie Lust haben sich zu prügeln und stehlen, wenn sie Lust haben zu stehlen.

Sylvie ist sehr dynamisch und kann mit den Jugendlichen sehr gut auf freundschaftlicher Ebene umgehen, dies ermöglicht es ihr in der Rolle der « großen Schwester » zu agieren. Die beiden betreuen hauptsächlich das Projekt « Luna llena 1 » (Vollmond 1). Es handelt sich hierbei um eine Tour am Abend/in der Nacht, wo sie Kinder aufsuchen, die Süßigkeiten in La Ceja verkaufen, einem Stadtteil von El Alto, der voller kleiner Läden, Bars und  Restaurants ist. In der Nacht sind diese Straßen nicht sehr sicher. Sie sind voller Betrunkener und Krimineller, die es darauf anlegen, Schwächere zu bestehlen (z.B. die Betrunkenen, die aus den Bars kommen). Dies ist eine gefährliche Tour, von der ich in einem meiner nächsten Rundbriefe mehr erzählen werde.

 

Und dann gibt es noch Amanda und David, die erst vor kurzem zur Fundación Obra Padre Lutz dazugestoßen sind, um das
Projekt « Luna llena 2 » (Vollmond 2) auf die Beine zu stellen. Dies ist die Tour unten in La Paz, wo wir ebenfalls Kinder aufsuchen, die Süßigkeiten auf der Straße verkaufen. Von diesem Projekt hatte ich Euch bereits in meinem letzten Rundbrief ausführlicher berichtet. David ist verheiratet und hat zwei Kinder und hat ein Diplom in Erziehungswissenschaften. Amanda ist Psychologin: sie besucht die Familien daheim, um ein tieferes Verständnis der familiären Schwierigkeiten zu erlangen, führt Einzelgespräche mit den Eltern und bietet einmal pro Woche einen Kurs zum Thema Sexualerziehung für eine Gruppe von Frauen an.

 

Von diesen acht Erziehern arbeiten die Männer 48 Stunden pro Woche und die Frauen 40 Stunden (aber ich kann Euch versichern, dass sie, zumindest im Fall von Freddy, Yvonne oder Rolando sehr viel mehr als die vorgesehenen Stunden arbeiten!). Der Förderverein zahlt ihnen, aus den bescheidenen Mitteln, über die er verfügt, ein Gehalt von 1.000 Bolivianos (110 Euro) pro Monat, was sehr wenig ist, wenn man es mit den aktuellen Lebenshaltungskosten in Bolivien vergleicht. (Im Moment ist die Inflationsrate wieder sehr hoch, was das Leben für viele Familien sehr schwierig macht!). Ein diplomierter Sozialarbeiter (5 Jahre Studium) verdient normalerweise 2.500 bis 3.000 Bolivianos pro Monat. Die Mehrheit unserer Erzieher hat einen Nebenjob: Franz arbeitet nachts als Fahrer eines Minibuses, David und Amanda haben gemeinsam ein kleines pädagogisches Zentrum aufgebaut, in dem sie Nachhilfe, psychologische Hilfe, Körperarbeit, etc. anbieten, Freddy macht Samstagabends Musik bis Sonntag in der Früh... und ihre Partner und Partnerinnen arbeiten ebenfalls, denn sonst würde ihnen das Geld nicht bis zum Ende des Monats reichen. Das heißt, diese Arbeit ist eine wahre Berufung und eine Herzensangelegenheit für unsere Erzieher. Wenn dies nicht der Fall ist, sind sie ziemlich schnell wieder weg. Unser Problem ist aber auch, zu verhindern, dass sie nicht weggehen, weil sie einen besser bezahlten Job gefunden haben. Erst vor kurzem hat der Verein eine sehr gute Erzieherin (Patricia) auf diese Weise verloren und sie ist nicht die Einzige. Der Verlust eines guten Erziehers bedeutet dass ein ganzes Netz an Beziehungen mit und für die Kinder und Jugendlichen verloren geht und wieder neu aufgebaut werden muss. Dies ist bereits mehrmals passiert und ich befürchte, dass dies so weitergehen könnte: Wenn David und Amanda soweit sind, dass ihr eigenes Projekt rentabel ist und gut läuft, werden sie dann nicht auch gehen?...

 

Es war mir ein Bedürfnis, diesen Rundbrief unseren Erziehern zu widmen, da sie eine wahrhaft großartige Arbeit leisten. Vielen Dank, liebe Freunde, für Eure Unterstützung und möge es Euch gut gehen in der Freude und dem Frieden Gottes.

 

Xavier

 

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Brief Nr.3:  Projekt « Luna llena 2 » (« Vollmond 2 »)

 

El Alto, 22. September 2010

 

Höret dies, die ihr die Armen unterdrückt und die Elenden im Lande zugrunde richtet und sprecht: Wann will denn der Neumond ein Ende haben, dass wir Getreide verkaufen, und der Sabbat, dass wir Korn feilhalten können und das Maß verringern und den Preis steigern und die Waage fälschen, damit wir die Armen um Geld und die Geringen um ein Paar Schuhe in unsere Gewalt bringen und Spreu für Korn verkaufen?

Der HERR hat bei sich, dem Ruhm Jakobs, geschworen: Niemals werde ich diese ihre Taten vergessen!

 

Amos 8, 4-7.

 

Liebe Freunde,

 

In diesem Brief werde ich nochmal vom Projekt « Luna llena 2 » (« Vollmond 2 ») in La Paz berichten; das ist unser « Baby », das neueste Projekt, begonnen erst letzten Juli. Es nennt sich “Luna llena 2”, da wir das gleiche Projekt auch in El Alto haben, dort nennt es sich « Luna llena 1 ». Aber zwischen El Alto und La Paz gibt es große Unterschiede in der Bevölkerung und auch in deren Bedürfnissen. Zuerst hatten wir das Projekt von El Alto für La Paz mehr oder weniger kopiert, aber es hat sich herausgestellt, dass wir vieles davon komplett werden umändern müssen.

 

Auf der großen Hauptstraße von La Paz, genannt « Prado » (die Champs Elysées von La Paz sozusagen), arbeiten wir von 19 Uhr bis 22 Uhr von Mittwoch bis Samstag. Unsere Zielgruppe sind die Kinder von 5 bis 16 Jahren, die Süßigkeiten auf der Straße verkaufen. Ihre Mütter sind oft nicht weit weg. Entweder verkaufen sie ebenfalls Dinge auf der Straße oder sie betteln. Das Ziel unserer Arbeit ist es, Schritt für Schritt das Vertrauen der Kinder und ihrer Eltern zu gewinnen (verständlicherweise geht nichts, ohne deren Zustimmung). Die Bedingung, unter der wir diesen Kindern helfen, ist, dass sie « clean » sind: keine Drogen und kein Alkohol! Das Prinzip ist folgendes: keine Mischung der verschiedenen Gruppen. Auf der einen Seite die Kinder, die keine Drogen und keinen Alkohol zu sich nehmen, das ist das Projekt « Luna llena ». Auf der anderen Seite die Kinder, die bereits drogenabhängig sind, das ist das Projekt « Luz en la oscuridad » (« Licht im Dunkel »). Diese Trennung haben wir aufgrund der offensichtlichen Gefahr des schlechten Einflusses der einen Gruppe auf die andere vorgenommen.

 

Ich möchte nun die Fälle von drei Familien vorstellen, die repräsentativ sind für die Menschen mit denen wir auf dem Prado (in La Paz) arbeiten (siehe fotos) :

 

Als erstes wären da Doña María, 42 Jahre, und ihre vier Kinder, die wir praktisch jeden Abend auf der Straße antreffen: Rosalina, 14 Jahre, Alexandra, 13 Jahre, José Louis, 10 Jahre und Jorge Louis, 6 Jahre alt. Doña María sitzt auf der Straße und bettelt. Ein bißchen weiter weg findet man Alexandra und Jorge Louis und auf dem Gehsteig gegenüber Rosalina und José Louis. Entweder verkaufen sie Süßigkeiten oder sie betteln auch. Alle vier Kinder besuchen von 14 bis 18 Uhr die Schule, helfen danach ihrer Mutter auf dem Prado und kehren erst gegen 1 Uhr morgens mit ihr nach Hause zurück. Tagsüber putzt und wäscht (mit der Hand!) die Mutter oft gegen Geld für andere Leute. Der Vater, wie so oft, hat sich aus dem Staub gemacht. Diese Familie ist sehr arm und die vier Kinder sind sehr schüchtern und noch nicht sehr weit in ihrer Entwicklung. Sie sagen fast nichts und antworten oft auch nicht auf unsere Fragen. Wir haben bereits zweimal versucht, die Familie bei sich daheim zu besuchen, in einem armen Viertel am äußersten Ende von El Alto (siehe Fotos), aber wir haben die Adresse niemals gefunden, vermutlich weil Doña María uns nicht die richtige Adresse gegeben hat, da es ihr sicherlich peinlich ist, in was für ärmlichen Verhältnissen sie lebt.

Die große Angst von Doña Maria ist es, frühzeitig zu sterben und so vier Waisen zurückzulassen (sie hat keine Familienangehörigen, die sich um die Kinder kümmern könnten). In der Tat leidet Doña María unter einem nicht behandelten Leistenbruch, da sie zu schwere Lasten getragen hat. Sie müsste dringend operiert werden, hat aber Angst vor der Operation, hat kein Vertrauen in die Ärzte und glaubt, dass sie dort sterben wird (der Ruf des öffentlichen Krankenhauses von El Alto, das ich mir bereits angesehen habe, ist dementsprechend: man geht dort hinein und kommt mit den Füßen voran wieder heraus! Das professionelle Niveau des Personals dort ist scheinbar sehr niedrig). Somit versuchen wir also Tag für Tag Doña María zu überzeugen, sich behandeln zu lassen. Das Problem hierbei ist, dass – gemäß der Statuten des Projekts - nur die Kinder Hilfe von uns erhalten können, aber nicht deren Eltern. Dennoch erscheint es uns offensichtlich, dass die Behandlung von Doña Maria und eventuell auch die Übernahme der Kosten für ihre Operation oberste Priorität haben, damit diese Familie eine Zukunft hat. Außerdem bräuchten die Kinder eine psychologische Betreuung, die sie von Amanda, unserer Psychologin, erhalten könnten. Aber es ist sehr schwierig, diese Familie dazu zu bringen auch mal zu uns ins Büro zu kommen, wahrscheinlich werden wir noch einige Monate mit ihnen diskutieren müssen.

 

Doña Pati ist 27 Jahre alt und hat 6 Kinder: Raquel, 13 Jahre (was bedeutet, dass sie ihr erstes Kind im Alter von 14 Jahren bekommen hat!!), Griselda, 10 Jahre, Marcos, 8 Jahre, Nairla, 5 Jahre, Sofia, 3 Jahre und Jonathan, 6 Monate alt. Man trifft Doña Pati auf der Straße, mit ihrem Baby auf dem Arm und den 3 älteren ihrer Kinder, um Süßigkeiten zu verkaufen. Doña Pati ist noch sehr unreif, eine Heranwachsende, die aber bereits die Verantwortung für 6 Kinder hat. Ihr Mann, Don Juan, gibt ihr kein Geld (wir glauben zu wissen, dass er Produkte verkauft, die « vom Lastwagen heruntergefallen sind » - mit anderen Worten « Diebesgut ») und trinkt, wenn er nicht gut drauf ist. Er ist auch nur der Vater von 4 der 6 Kinder: Nairla und Sofia sind von einem anderen Mann, den wir nicht kennen. Außerdem hat Doña Pati einen Liebhaber, der ihr Geld gibt, da er denkt, er sei der Vater des sechs Monate alten Babys, was aber nicht stimmt. Doña Pati hat sich dies nur ausgedacht, um Geld von ihm zu erhalten.

Letzten Samstag, haben wir Doña Pati in einem Zustand der Hysterie angetroffen. Sie weinte, zitterte am ganzen Körper. Was war passiert? Ihr Mann hat herausgefunden, dass sie mit ihrem Liebhaber essengegangen ist. Verrückt vor Wut und Eifersucht ist er losgezogen, um sich zu betrinken. Wenn er jedoch betrunken ist, schlägt er auf alle und jeden ein. Der kleine Marcos, 8 Jahre alt, läuft immer mit einer Mütze auf dem Kopf herum, da er eine riesige Narbe auf dem Kopf hat... das war sein Vater. Eine halbe Stunde lang versuchten wir, Doña Pati zu beruhigen, alle ihre Kinder standen um uns herum. Wir rieten ihr, mit allen Kindern bei ihrer Tante zu schlafen, was sie dann letztendlich auch tat. Doña Pati hat sich selbst in diese unmögliche Situation gebracht. Sie müsste endlich eine Entscheidung als erwachsene Frau treffen: entweder für ihren Mann oder für ihren Liebhaber und dabei dann aber auch bleiben. Raquel, ihre älteste Tochter, ist das ganze Theater leid und will von daheim abhauen. Für sie ist ihre Mutter eine Idiotin, die nicht weiß, was sie will. Sie hat uns bereits anvertraut, dass sie bei der ersten Gelegenheit, die sich bietet, abhauen und sich alleine durchschlagen wird: Sie weiß, wie man Süßigkeiten verkauft und sich seinen Lebensunterhalt verdient und würde dann halt nicht mehr zur Schule zu gehen. Und dies ist mit Sicherheit keine leere Drohung von ihr. Die Zeit drängt und die Kinder sind in Gefahr. Unsere Aufgabe ist es, Doña Pati davon zu überzeugen, endlich ihre Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Kinder ernst zu nehmen. Dieser Fall ist schwerwiegend genug, um eine Anzeige bei der «Defensoria » zu erstatten, der öffentlichen Kinderschutzbehörde. Das wäre unser Druckmittel. In diesem Fall würden die Kinder in ein Heim kommen. Immerhin könnten sie dann normal die Schule besuchen und müssten nicht mehr arbeiten. Natürlich birgt die Unterbringung in einem Heim auch enorme Nachteile für die Kinder (Verstoß aus dem Familienverbund, emotionaler Verlust, schlechter Einfluss der anderen, dort untergebrachten Kinder, etc). Aber immerhin könnte die Fundación « Obra Padre Lutz » die Kinder auch im Heim weiter mitbetreuen und somit gefährliche Einflüsse und Verhaltensweisen früh entdecken und ihnen entgegenwirken.

 

Der letzte Fall betrifft Doña Paulina mit ihren zwei Kindern: Gonzalo, 13 und Marguarita, 11 Jahre alt. Doña Paulina ist alleinerziehend, ihr Mann hat sich schon vor langer Zeit aus dem Staub gemacht. Sie spricht ziemlich schlecht Spanisch (sie gehört dem indigenen Volk der Aymara an), ihr Bildungsniveau ist sehr niedrig und sie kann weder lesen, noch schreiben. Im Gegensatz dazu, weiß sie aber, wie man im Leben durchkommt. Wenn sie über ein geringes Kapital verfügt, investiert sie es, kauft Waren ein und verkauft diese mit Gewinn wieder. Manchmal hat sie aber auch kein Geld mehr, dann bettelt sie. Die kleine Marguarita hilft ihrer Mutter und verkauft Waren auf der Straße, manchmal bis 1 Uhr morgens. Sie hängt sehr an ihrer Mutter. Gonzalo steckt mitten in der Pubertät und hat sich in einen Rebellen verwandelt. Er hat sich von anderen Jugendlichen mitreißen lassen und klaut jetzt auf der Straße. Er hat sogar angefangen, seine eigene Mutter zu schlagen und wurde deshalb vor kurzem von der  « Defensoria » in ein Heim gesteckt. Letzte Woche passierte dann das große Drama. Die Kleine war nicht mehr auf der Straße anzutreffen. Wir trafen nur ihre Mutter, die bettelte. « Wo ist Marguarita? » Die Mutter wurde sehr nervös und erzählte uns, dass die Kleine (11 Jahre alt!) letzten Samstag vergewaltigt wurde. Um 1 Uhr morgens, war die Kleine immer noch auf der Straße unterwegs, alleine und hatte nicht das Geld zusammen bekommen, um einen Mini-Bus zurück zu sich nach Hause nehmen zu können. Da hat sie ein Mann überredet, zu ihm in sein Taxi zu steigen, indem er ihr versprach, er würde sie nach El Alto bringen, um 1 Uhr in der Früh... voilá, da sieht man die sehr reellen Gefahren, denen diese Kinder ausgesetzt sind. Das Arschloch hat sie vergewaltigt und dann einfach auf einem Gehweg liegen lassen… Sie wurde dann später von einer Polizeipatrouille ins Krankenhaus gebracht. Wir haben sie den Samstag darauf besucht, eine Woche nach der Vergewaltigung und stellten fest, dass sie sich nicht darüber im Klaren war, was ihr wirklich widerfahren ist. In ihren Augen war sie einfach von einem Trottel schlecht behandelt worden. Sie war fröhlich, zufrieden, im Krankenhaus zu sein, wo man sich um sie kümmerte und wo sie mit anderen Kindern zusammen war. Aber, wenn sie die Pubertät erreicht, wenn sie ihre ersten Erfahrungen mit Jungs machen wird, wie wird sich das Trauma dann auswirken?... 8 Tage im Krankenhaus, das kostet 2.600 Bolivianos, 292 Euro, eine Summe, die ihre Mutter niemals hätte bezahlen können. Zum Glück hat die Mutter, die sich zu helfen weiß, sowohl die Schule der Kleinen, als auch das lokale Fernsehen um Hilfe gebeten. An der Schule wurde eine Spendensammlung für diesen Zweck durchgeführt und das Fernsehen hat den Rest der Summe bezahlt. Wir haben die Medikamente bezahlt und werden auch für die zukünftigen Untersuchungen aufkommen (Aids-Test, etc). Die Kleine wurde aus dem Krankenhaus entlassen und kam direkt in ein Kinderheim, trotz aller vergossenen Tränen, da sie eigentlich nicht von ihrer Mutter getrennt werden wollte. Aber die Mutter ist zu arm, um für die weitere medizinische und psychologische Betreuung ihres Kindes aufkommen zu können. Darum werden wir uns kümmern, selbst wenn die Kleine dann nicht mehr auf der Straße ist.

 

Diese 3 Fälle zeigen sehr gut, dass es nicht reicht, nur den Kindern Hilfe und Betreuung anzubieten. Unsere Erzieher müssen die familiären Probleme analysieren und so Lösungen finden, die eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die Kinder bewirken. Auch die Eltern brauchen oft medizinische, psychologische oder erzieherische Hilfen. Und man kann auch nicht immer auf die Platzierung in einem Kinderheim als letzten Ausweg zurückgreifen, da diese Lösung manchmal auch zerstörerische Auswirkungen auf die Kinder hat. Das Projekt « Luna llena 2 » befindet sich noch im Aufbau und muss sich natürlich noch weiterentwickeln, um die gewünschte Wirkungskraft zu erreichen. Ich werde Euch gerne in meinen nächsten Rundbriefen von der weiteren Entwicklung berichten.

 

Vielen Dank für Eure Unterstützung und Euer Gebet. Möge es Euch gut gehen in der Freude und dem Frieden Gottes.

 

Xavier

 

 

      

Brief Nr.3:  Projekt « Luna llena 2 » (« Vollmond 2 »)

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El Alto, 22. September 2010

 

Höret dies, die ihr die Armen unterdrückt und die Elenden im Lande zugrunde richtet und sprecht: Wann will denn der Neumond ein Ende haben, dass wir Getreide verkaufen, und der Sabbat, dass wir Korn feilhalten können und das Maß verringern und den Preis steigern und die Waage fälschen, damit wir die Armen um Geld und die Geringen um ein Paar Schuhe in unsere Gewalt bringen und Spreu für Korn verkaufen?

Der HERR hat bei sich, dem Ruhm Jakobs, geschworen: Niemals werde ich diese ihre Taten vergessen!

 

Amos 8, 4-7.

 

Liebe Freunde,

 

In diesem Brief werde ich nochmal vom Projekt « Luna llena 2 » (« Vollmond 2 ») in La Paz berichten; das ist unser « Baby », das neueste Projekt, begonnen erst letzten Juli. Es nennt sich “Luna llena 2”, da wir das gleiche Projekt auch in El Alto haben, dort nennt es sich « Luna llena 1 ». Aber zwischen El Alto und La Paz gibt es große Unterschiede in der Bevölkerung und auch in deren Bedürfnissen. Zuerst hatten wir das Projekt von El Alto für La Paz mehr oder weniger kopiert, aber es hat sich herausgestellt, dass wir vieles davon komplett werden umändern müssen.

 

Auf der großen Hauptstraße von La Paz, genannt « Prado » (die Champs Elysées von La Paz sozusagen), arbeiten wir von 19 Uhr bis 22 Uhr von Mittwoch bis Samstag. Unsere Zielgruppe sind die Kinder von 5 bis 16 Jahren, die Süßigkeiten auf der Straße verkaufen. Ihre Mütter sind oft nicht weit weg. Entweder verkaufen sie ebenfalls Dinge auf der Straße oder sie betteln. Das Ziel unserer Arbeit ist es, Schritt für Schritt das Vertrauen der Kinder und ihrer Eltern zu gewinnen (verständlicherweise geht nichts, ohne deren Zustimmung). Die Bedingung, unter der wir diesen Kindern helfen, ist, dass sie « clean » sind: keine Drogen und kein Alkohol! Das Prinzip ist folgendes: keine Mischung der verschiedenen Gruppen. Auf der einen Seite die Kinder, die keine Drogen und keinen Alkohol zu sich nehmen, das ist das Projekt « Luna llena ». Auf der anderen Seite die Kinder, die bereits drogenabhängig sind, das ist das Projekt « Luz en la oscuridad » (« Licht im Dunkel »). Diese Trennung haben wir aufgrund der offensichtlichen Gefahr des schlechten Einflusses der einen Gruppe auf die andere vorgenommen.

 

Ich möchte nun die Fälle von drei Familien vorstellen, die repräsentativ sind für die Menschen mit denen wir auf dem Prado (in La Paz) arbeiten (siehe fotos) :

 

Als erstes wären da Doña María, 42 Jahre, und ihre vier Kinder, die wir praktisch jeden Abend auf der Straße antreffen: Rosalina, 14 Jahre, Alexandra, 13 Jahre, José Louis, 10 Jahre und Jorge Louis, 6 Jahre alt. Doña María sitzt auf der Straße und bettelt. Ein bißchen weiter weg findet man Alexandra und Jorge Louis und auf dem Gehsteig gegenüber Rosalina und José Louis. Entweder verkaufen sie Süßigkeiten oder sie betteln auch. Alle vier Kinder besuchen von 14 bis 18 Uhr die Schule, helfen danach ihrer Mutter auf dem Prado und kehren erst gegen 1 Uhr morgens mit ihr nach Hause zurück. Tagsüber putzt und wäscht (mit der Hand!) die Mutter oft gegen Geld für andere Leute. Der Vater, wie so oft, hat sich aus dem Staub gemacht. Diese Familie ist sehr arm und die vier Kinder sind sehr schüchtern und noch nicht sehr weit in ihrer Entwicklung. Sie sagen fast nichts und antworten oft auch nicht auf unsere Fragen. Wir haben bereits zweimal versucht, die Familie bei sich daheim zu besuchen, in einem armen Viertel am äußersten Ende von El Alto (siehe Fotos), aber wir haben die Adresse niemals gefunden, vermutlich weil Doña María uns nicht die richtige Adresse gegeben hat, da es ihr sicherlich peinlich ist, in was für ärmlichen Verhältnissen sie lebt.

Die große Angst von Doña Maria ist es, frühzeitig zu sterben und so vier Waisen zurückzulassen (sie hat keine Familienangehörigen, die sich um die Kinder kümmern könnten). In der Tat leidet Doña María unter einem nicht behandelten Leistenbruch, da sie zu schwere Lasten getragen hat. Sie müsste dringend operiert werden, hat aber Angst vor der Operation, hat kein Vertrauen in die Ärzte und glaubt, dass sie dort sterben wird (der Ruf des öffentlichen Krankenhauses von El Alto, das ich mir bereits angesehen habe, ist dementsprechend: man geht dort hinein und kommt mit den Füßen voran wieder heraus! Das professionelle Niveau des Personals dort ist scheinbar sehr niedrig). Somit versuchen wir also Tag für Tag Doña María zu überzeugen, sich behandeln zu lassen. Das Problem hierbei ist, dass – gemäß der Statuten des Projekts - nur die Kinder Hilfe von uns erhalten können, aber nicht deren Eltern. Dennoch erscheint es uns offensichtlich, dass die Behandlung von Doña Maria und eventuell auch die Übernahme der Kosten für ihre Operation oberste Priorität haben, damit diese Familie eine Zukunft hat. Außerdem bräuchten die Kinder eine psychologische Betreuung, die sie von Amanda, unserer Psychologin, erhalten könnten. Aber es ist sehr schwierig, diese Familie dazu zu bringen auch mal zu uns ins Büro zu kommen, wahrscheinlich werden wir noch einige Monate mit ihnen diskutieren müssen.

 

Doña Pati ist 27 Jahre alt und hat 6 Kinder: Raquel, 13 Jahre (was bedeutet, dass sie ihr erstes Kind im Alter von 14 Jahren bekommen hat!!), Griselda, 10 Jahre, Marcos, 8 Jahre, Nairla, 5 Jahre, Sofia, 3 Jahre und Jonathan, 6 Monate alt. Man trifft Doña Pati auf der Straße, mit ihrem Baby auf dem Arm und den 3 älteren ihrer Kinder, um Süßigkeiten zu verkaufen. Doña Pati ist noch sehr unreif, eine Heranwachsende, die aber bereits die Verantwortung für 6 Kinder hat. Ihr Mann, Don Juan, gibt ihr kein Geld (wir glauben zu wissen, dass er Produkte verkauft, die « vom Lastwagen heruntergefallen sind » - mit anderen Worten « Diebesgut ») und trinkt, wenn er nicht gut drauf ist. Er ist auch nur der Vater von 4 der 6 Kinder: Nairla und Sofia sind von einem anderen Mann, den wir nicht kennen. Außerdem hat Doña Pati einen Liebhaber, der ihr Geld gibt, da er denkt, er sei der Vater des sechs Monate alten Babys, was aber nicht stimmt. Doña Pati hat sich dies nur ausgedacht, um Geld von ihm zu erhalten.

Letzten Samstag, haben wir Doña Pati in einem Zustand der Hysterie angetroffen. Sie weinte, zitterte am ganzen Körper. Was war passiert? Ihr Mann hat herausgefunden, dass sie mit ihrem Liebhaber essengegangen ist. Verrückt vor Wut und Eifersucht ist er losgezogen, um sich zu betrinken. Wenn er jedoch betrunken ist, schlägt er auf alle und jeden ein. Der kleine Marcos, 8 Jahre alt, läuft immer mit einer Mütze auf dem Kopf herum, da er eine riesige Narbe auf dem Kopf hat... das war sein Vater. Eine halbe Stunde lang versuchten wir, Doña Pati zu beruhigen, alle ihre Kinder standen um uns herum. Wir rieten ihr, mit allen Kindern bei ihrer Tante zu schlafen, was sie dann letztendlich auch tat. Doña Pati hat sich selbst in diese unmögliche Situation gebracht. Sie müsste endlich eine Entscheidung als erwachsene Frau treffen: entweder für ihren Mann oder für ihren Liebhaber und dabei dann aber auch bleiben. Raquel, ihre älteste Tochter, ist das ganze Theater leid und will von daheim abhauen. Für sie ist ihre Mutter eine Idiotin, die nicht weiß, was sie will. Sie hat uns bereits anvertraut, dass sie bei der ersten Gelegenheit, die sich bietet, abhauen und sich alleine durchschlagen wird: Sie weiß, wie man Süßigkeiten verkauft und sich seinen Lebensunterhalt verdient und würde dann halt nicht mehr zur Schule zu gehen. Und dies ist mit Sicherheit keine leere Drohung von ihr. Die Zeit drängt und die Kinder sind in Gefahr. Unsere Aufgabe ist es, Doña Pati davon zu überzeugen, endlich ihre Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Kinder ernst zu nehmen. Dieser Fall ist schwerwiegend genug, um eine Anzeige bei der «Defensoria » zu erstatten, der öffentlichen Kinderschutzbehörde. Das wäre unser Druckmittel. In diesem Fall würden die Kinder in ein Heim kommen. Immerhin könnten sie dann normal die Schule besuchen und müssten nicht mehr arbeiten. Natürlich birgt die Unterbringung in einem Heim auch enorme Nachteile für die Kinder (Verstoß aus dem Familienverbund, emotionaler Verlust, schlechter Einfluss der anderen, dort untergebrachten Kinder, etc). Aber immerhin könnte die Fundación « Obra Padre Lutz » die Kinder auch im Heim weiter mitbetreuen und somit gefährliche Einflüsse und Verhaltensweisen früh entdecken und ihnen entgegenwirken.

 

Der letzte Fall betrifft Doña Paulina mit ihren zwei Kindern: Gonzalo, 13 und Marguarita, 11 Jahre alt. Doña Paulina ist alleinerziehend, ihr Mann hat sich schon vor langer Zeit aus dem Staub gemacht. Sie spricht ziemlich schlecht Spanisch (sie gehört dem indigenen Volk der Aymara an), ihr Bildungsniveau ist sehr niedrig und sie kann weder lesen, noch schreiben. Im Gegensatz dazu, weiß sie aber, wie man im Leben durchkommt. Wenn sie über ein geringes Kapital verfügt, investiert sie es, kauft Waren ein und verkauft diese mit Gewinn wieder. Manchmal hat sie aber auch kein Geld mehr, dann bettelt sie. Die kleine Marguarita hilft ihrer Mutter und verkauft Waren auf der Straße, manchmal bis 1 Uhr morgens. Sie hängt sehr an ihrer Mutter. Gonzalo steckt mitten in der Pubertät und hat sich in einen Rebellen verwandelt. Er hat sich von anderen Jugendlichen mitreißen lassen und klaut jetzt auf der Straße. Er hat sogar angefangen, seine eigene Mutter zu schlagen und wurde deshalb vor kurzem von der  « Defensoria » in ein Heim gesteckt. Letzte Woche passierte dann das große Drama. Die Kleine war nicht mehr auf der Straße anzutreffen. Wir trafen nur ihre Mutter, die bettelte. « Wo ist Marguarita? » Die Mutter wurde sehr nervös und erzählte uns, dass die Kleine (11 Jahre alt!) letzten Samstag vergewaltigt wurde. Um 1 Uhr morgens, war die Kleine immer noch auf der Straße unterwegs, alleine und hatte nicht das Geld zusammen bekommen, um einen Mini-Bus zurück zu sich nach Hause nehmen zu können. Da hat sie ein Mann überredet, zu ihm in sein Taxi zu steigen, indem er ihr versprach, er würde sie nach El Alto bringen, um 1 Uhr in der Früh... voilá, da sieht man die sehr reellen Gefahren, denen diese Kinder ausgesetzt sind. Das Arschloch hat sie vergewaltigt und dann einfach auf einem Gehweg liegen lassen… Sie wurde dann später von einer Polizeipatrouille ins Krankenhaus gebracht. Wir haben sie den Samstag darauf besucht, eine Woche nach der Vergewaltigung und stellten fest, dass sie sich nicht darüber im Klaren war, was ihr wirklich widerfahren ist. In ihren Augen war sie einfach von einem Trottel schlecht behandelt worden. Sie war fröhlich, zufrieden, im Krankenhaus zu sein, wo man sich um sie kümmerte und wo sie mit anderen Kindern zusammen war. Aber, wenn sie die Pubertät erreicht, wenn sie ihre ersten Erfahrungen mit Jungs machen wird, wie wird sich das Trauma dann auswirken?... 8 Tage im Krankenhaus, das kostet 2.600 Bolivianos, 292 Euro, eine Summe, die ihre Mutter niemals hätte bezahlen können. Zum Glück hat die Mutter, die sich zu helfen weiß, sowohl die Schule der Kleinen, als auch das lokale Fernsehen um Hilfe gebeten. An der Schule wurde eine Spendensammlung für diesen Zweck durchgeführt und das Fernsehen hat den Rest der Summe bezahlt. Wir haben die Medikamente bezahlt und werden auch für die zukünftigen Untersuchungen aufkommen (Aids-Test, etc). Die Kleine wurde aus dem Krankenhaus entlassen und kam direkt in ein Kinderheim, trotz aller vergossenen Tränen, da sie eigentlich nicht von ihrer Mutter getrennt werden wollte. Aber die Mutter ist zu arm, um für die weitere medizinische und psychologische Betreuung ihres Kindes aufkommen zu können. Darum werden wir uns kümmern, selbst wenn die Kleine dann nicht mehr auf der Straße ist.

 

Diese 3 Fälle zeigen sehr gut, dass es nicht reicht, nur den Kindern Hilfe und Betreuung anzubieten. Unsere Erzieher müssen die familiären Probleme analysieren und so Lösungen finden, die eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die Kinder bewirken. Auch die Eltern brauchen oft medizinische, psychologische oder erzieherische Hilfen. Und man kann auch nicht immer auf die Platzierung in einem Kinderheim als letzten Ausweg zurückgreifen, da diese Lösung manchmal auch zerstörerische Auswirkungen auf die Kinder hat. Das Projekt « Luna llena 2 » befindet sich noch im Aufbau und muss sich natürlich noch weiterentwickeln, um die gewünschte Wirkungskraft zu erreichen. Ich werde Euch gerne in meinen nächsten Rundbriefen von der weiteren Entwicklung berichten.

 

Vielen Dank für Eure Unterstützung und Euer Gebet. Möge es Euch gut gehen in der Freude und dem Frieden Gottes.

 

Xavier

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El Alto, den 30.08.2010
 
"Mein Sohn, verrichte alles, was Du tust in Demut und Du wirst mehr geliebt werden als ein Wohltäter. Je größer Du bist, um so mehr musst Du Dich erniedrigen: in Deinem Herrn wirst Du Gnade finden. Die Macht des Herrn ist groß und die Demütigen rühmen ihn. Die Lage der Hochmütigen ist ausweglos, denn in ihnen ist die Wurzel des Bösen. Der vernünftige Mensch sinnt nach über die Maximen der Weisheit. Das Ideal der Weisen ist es, ein offenes Ohr zu haben. "
Buch Ben Sirac der Weise 3, 17;29 (Anmerkung der Übersetzerin (Doro): Sicherlich klingt das in der Originalversion besser als meine Übersetzung, die habe ich nur leider auf die Schnelle nicht gefunden!)
 
Liebe Freunde,
 
Ich schreibe Euch diesen Brief fünf Tage nach meiner Ankunft in El Alto, dem höchstgelegenen Stadtteil von La Paz, einem immensen Ballungsgebiet hoch in den Bergen. Zwischen la Paz, auf einer Höhe von 3.400 Metern und El Alto, auf einer Höhe von 4.000 Metern, befinden sich Hügel ohne Ende, bewohnt von über 3 Millionen Menschen, was einem Drittel der Einwohner Boliviens entspricht. Viele kommen in die Hauptstadt, um dort Arbeit zu suchen, da es auf dem Land eher wüstenartig ist. Der Eindruck, den man gewinnt, wenn man die Strecke von El Alto nach La Paz zu Fuß abläuft, ist schwierig zu beschreiben: Menschenmassen überall, immer, selbst in der Nacht. Eine achtspurige Straße mit permanentem Stau, alte Busse und Lieferwagen, die unglaubliche Abgaswolken erzeugen, so dass es einem Europäer, wie mir, schwer fällt, überhaupt zu atmen.
Und überall, in den Zentren von El Alto und La Paz, Kinder, die auf der Straße arbeiten. Die Mehrheit von ihnen geht jeden Tag von 14 Uhr bis 18 Uhr in die Schule und arbeitet dann von 19 Uhr bis 22, 24 oder sogar 2 Uhr nachts. Sie verkaufen Süßigkeiten, putzen Schuhe, verkaufen alles Mögliche an den kleinen Straßenständen, die ihren Eltern gehören. In der Regel sind ihre Mütter nicht weit weg. Sie verkaufen ebenfalls alles Mögliche auf der Straße. Sie beginnen gegen 14 Uhr und die Kinder helfen ihnen nach der Schule – ab einem Alter von fünf Jahren. Die Kinder schlüpfen zwischen den Autos hindurch, nutzen die Zeit, wenn die Ampeln auf rot stehen, um zu verkaufen – ständig in Gefahr und in einer Luft, die man kaum atmen kann. Trotz allem, was ich vorab gelesen hatte, ist der Schock für mich enorm. Man fühlt sich machtlos. Man versteht nicht, dass eine Gesellschaft so etwas akzeptieren kann.
Die Fundation "Obra Padre Lutz" ist ein kleiner Verein, mit seiner Basis in El Alto. Der Verein hat ein Haus mit einem Hof gemietet; dort wohne ich, zusammen mit zwei Jugendlichen, die ehemalige Straßenkinder sind. Es gäbe dort noch Platz, um 4 oder 5 Waisenkinder unterzubringen, aber dies ist nicht der Auftrag des Vereins, der sich vor allem darauf konzentriert Streetwork zu machen, um die Kinder und ihre Eltern auf der Straße aufzusuchen, ihnen, wenn sie da sind, eine Brotzeit und ein heißes Getränk zu geben (es ist kalt in La Paz) und zu versuchen, das Vertrauen der Kinder und ihrer Eltern zu gewinnen. Wenn erst mal eine Beziehung zu diesen Kindern hergestellt ist, (und das ist nicht immer einfach), lädt der Verein sie zu einem gemeinsamen Essen am Samstag ein, bietet Spiele und Aktivitäten für die Kinder an, sowie Hilfe bei den Hausaufgaben, weitere schulische Betreuung und auch Gesundheitsversorgung.
Acht Erzieher machen Streetwork in Zweiergruppen, Tag und Nacht, bis 23 Uhr, jeden Tag, auch am Wochenende. Sie wechseln sich natürlich ab und sind immer drei bis vier Stunden am Stück unterwegs. Sie leisten großartige Arbeit.
Ich werde versuchen, Euch alle zwei Wochen einen Brief zu schreiben. Entschuldigt bitte meine Schreibfehler, ich schreibe in einem überfüllten und lauten Internet-Café, auf einer alten, noch dazu spanischen Tastatur und ich möchte nicht allzuviel Zeit verlieren.
Danke für Eure Unterstützung und Euer Gebet, möge es Euch gut gehen in der Freude und dem Frieden Gottes.
Xavier

 

 

 

 

 

 

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Stand: 16. Januar 2012